Aufgespürt: die Blaue Dame

Das Original des Gemäldes stammt aus Jahr 1783; die hier zu sehende Kopie wurde über 200 Jahre später gemalt. Foto: Motog

Das Original des Gemäldes stammt aus Jahr 1783; die hier zu sehende Kopie wurde über 200 Jahre später gemalt. Foto: Motog

Von Christoph Motog

 

Lippstadt - Zwecks Illustrierung meines Buchs „Dunkle Geschichten aus Lippstadt“ wollte ich im Frühjahr 2022 die „Blaue Dame von Schwarzenraben“ fotografieren. Ich wusste, dass die Familie von Ketteler das Gemälde, auf dem das Gespenst abgebildet ist, vor Jahrzehnten dem Lippstädter Stadtmuseum als Dauerleihgabe übergeben hatte. Ebendort hatte ich das Bild auch wiederholt hängen sehen. Da sollte es doch kein Problem sein, das benötigte Foto zu machen. Die Museumsmitarbeiter, bei denen ich vorsprach, kannten das Gemälde überraschenderweise zwar nicht, aber ich wusste ja, wo es sich befindet. Im Obergeschoss stellte ich allerdings konsterniert fest, dass die Blaue Dame nicht mehr an ihrem Platz hängt. Sie fand sich nirgends. Ich hakte an höherer Stelle nach. Man konnte mir nicht helfen: „Das Gemälde findet sich auf keiner Inventarliste.“ Auch eine Suchaktion blieb erfolglos. 

 Kopie fotografiert

Daraufhin wandte ich mich an den jetzigen (nicht mit der Familie von Ketteler verwandten) Eigentümer des Schlosses Schwarzenraben, der sich das Gemälde einst kurz vom Museum ausgeliehen hatte, um es nachmalen zu lassen. Freundlicherweise lud mich der Besitzer spontan ein – und ich durfte die im Schloss hängende Kopie fotografieren. 

 

Der Grund für die Anfertigung jener Kopie steht in meinem Buch: „Mitte der 1990er-Jahre geht das Porträt der Blauen Dame als Dauerleihgabe ans Lippstädter Stadtmuseum. Somit geschieht, was gemäß der Überlieferung tabu ist: Das über 200 Jahre alte Gemälde wird abgehängt, ja mehr noch, es verlässt Schwarzenraben. Das Unvermeidliche folgt. Die Frau des Hauses schreckt eines Nachts dreimal aus dem Schlaf hoch, sie ist in den Arm gekniffen worden. Aber von wem? Der Ehemann schläft fest. War es ein Protest der Blauen Dame gegen das Entfernen ihres Porträts? Nach einer weiteren nächtlichen Erscheinung lassen die Bewohner eine Kopie des Gemäldes malen und am angestammten Platz im Kaffeezimmer des Schlosses aufhängen. Die Blaue Dame ist besänftigt.“ 

 Belohnung ausgesetzt

Doch wo ist das Original abgeblieben? Die Frage trieb mich weiter um. Bei mehreren Lesungen in den vergangenen Monaten setzte ich eine Belohnung von 200 Euro aus. Das Geld darf ich aber behalten, denn am Ende habe ich das Rätsel mittels einiger Telefonate selbst gelöst: Das Gemälde ist seit etlichen Jahren wieder in von Ketteler’scher Hand. Mission accomplished. 

 

Die Rücknahme seitens eines Familienmitglieds ist aus heimatgeschichtlicher Sicht bedauerlich, aber nicht zu beanstanden: Schließlich war das Gemälde nie im Besitz des Stadtmuseums, es hang dort nur als Leihgabe.