Herbstwochen-Abgründe
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Von: Christoph Motog am 24. September 2026, 13:40 Uhr
Nie wurden auf der Herbstwoche so viele Schirme aufgespannt wie 2019. ﹘ Tuschen\, Dieter
Lippstadt - Kein Volksfest der Welt bringt nur eitel Sonnenschein, auch nicht in Lippstadt. Schlimme Dinge, Pleiten und Pannen hat es zu allen Zeiten gegeben, wie ein Streifzug durch die Chronik der Herbstwochen-Abgründe zeigt.
1929
Wer glaubt, früher sei alles besser gewesen, sei eines Schlechteren belehrt: Der Kuhmarkt sei gewissermaßen der wunde Punkt an der ganzen Herbstwoche, schreibt der Patriot. „In dem Hippodrom (Festzelt, Anm. d.. Red.) kam es zu einer Keilerei. Ein Mensch wurde von mehreren Burschen an den Füßen durch den Dreck des Kuhmarkts geschleift, ein skandalöses Schauspiel. Ein Jüngling, der die rutschende Treppe bediente, erlaubte sich gegenüber jungen Mädchen vor versammelter Menge derbe Zudringlichkeiten. Die autoähnlichen Fahrzeuge mit elektrischem Antrieb, die vielfach auch von kleineren Kindern benutzt werden, sind äußerst gefährlich. Mehrere Kinder wie auch Erwachsene wurden herausgeschleudert und entgingen nur durch einen Zufall einer schweren Körperverletzung. …“
1931
Der Rummel wird von einem tödlichen Unfall überschattet: „Der 22-jährige Sohn des Kriminalbeamten Ummerstahl stürzte aus einem Schiff der Schaukel und erlitt einen Schädelbruch. Da der Sturz aus geringer Höhe erfolgte, vermutet man, dass der Verunglückte infolge einer Ohnmacht abgestürzt ist.“
1933
Zur Herbstwoche wird der Wilhelm-Mattenklodt-Steg zu Ehren des Großwildjägers eingeweiht. Dabei wird ein Gedicht der Heimatdichterin Elly Wagner verlesen. Es trieft vor Nazitümelei: „Nun hat das Jahr der deutschen Schicksalswendung / uns die Erfüllung dieses Wunsch’s gebracht …“ Hitlers Machtübernahme spiegelt sich in weiteren Programmpunkten wider, etwa in den Kreistreffen der Hitlerjugend und des Jungvolks.
1936
Die Zeitung berichtet über den Herbstwochenviehmarkt: „Die besten Tiere in Nutz- und Schlachtvieh wurden prämiert. Ein großes Transparent ,Juden und Zigeuner sind nicht erwünscht‘ zeigte, dass auch hier Wandel geschaffen wurde und Wert gelegt wird auf unbedingte Ehrlichkeit.“
1946
Um die erste Kirmes nach dem Krieg zu realisieren, ist Einfallsreichtum vonnöten. Hans Dreyer etwa baut aus dem Drehkranz eines Flak-Scheinwerfers ein Kinderkarussell. Ungefährlich ist das alles nicht. Von einem Karussell auf dem Geistplatz werden bei voller Fahrt mehrere Insassen zu Boden geschleudert. Drei von ihnen müssen mit Brüchen und anderen Verletzungen ins Krankenhaus.
1950
Vor Taschendieben wird gewarnt: Einer Hausfrau wird „an einem Stande in der Nähe des Kuhmarktes aus der Manteltasche eine Geldbörse mit etwa 28 DM Inhalt entwendet. Bei dem Betrag handelt es sich um die gesamte Wochenarbeitslosen-Unterstützung, wodurch die Geschädigte besonders hart betroffen wird, da sie nun für eine Woche keinerlei Geldmittel zur Verfügung hat.“
1957
Auf dem Kuhmarkt wird ein junges Mädchen von einem Halbstarken aus der fahrenden Raupenbahn herausgezerrt. Das Mädchen stürzt so unglücklich, dass es eine Gehirnerschütterung und einen Oberarmbruch erleidet.
1973
Teutonia Lippstadt würde gern einen Bundesligisten für ein Flutlichtspiel am 17. Oktober zum Waldschlösschen locken. Klappt aber nicht. Am Ende begnügt man sich mit einem ehemals großen Namen, der jetzt in der Regionalliga vor sich hindümpelt: Borussia Dortmund.
1993
Thüringen ist zu Gast. Der Hit sind Rostbratwürste, und zwar nicht die vorgebrühten „nach Thüringer Art“, sondern die echten, nicht vorgebrühten „Thüringer“. Dann taucht jedoch das Veterinäramt auf und bläst dem Beschicker den westfälischen Marsch: „Auf der Herbstwoche muss die Wurst gemäß den hiesigen Vorschriften vorgebrüht sein.“ Was hat sich der Thüringer Metzger da gedacht: „Die spinnen, die Westfalen!“
1995
Donnerstags vorm Fest kommt es am Güterbahnhof zu einer wüsten Schlägerei zwischen zwei Schaustellerfamilien. 30 Personen gehen mit Baseballschlägern, Messern und Schreckschusswaffen aufeinander los. Die mit Kräften aus dem Umland massiv verstärkte Lippstädter Polizei kann das Schlimmste verhindern. Auf der Herbstwoche ist die Polizei verstärkt präsent, die Streithähne geben Ruhe.
2007
Weil sie zu feste zugeschlagen haben, müssen 21 Herbstwochenbummler ins Krankenhaus, zum Teil gar mit Knochenbrüchen. Die Verletzungen entstanden aber nicht bei Rummelplatz-Keilereien, sondern an einem Boxautomaten. Hau den Lukas sachter!