Das Leid westfälischer Sinti (Teil 2)
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Von der Redaktion am 26. März 2026, 19:40 Uhr
Der den Sinti seitens der Lippstädter Behörden zugeordnete Lagerplatz befand sich am Delbrücker Weg - unweit des Margaretensees. Der Platz wurde bis in die 1980er-Jahre von Sinti genutzt. Foto: Motog
Von Christoph Motog
Lippstadt - „Zigeuner-Landplage“: Unter dieser Überschrift berichtet die Lokalpresse am 28. Mai 1921 aus Lippstadt:
„Zum letzten Viehmarkt hatten sich als unliebsame Gäste eine große Gesellschaft von Zigeunern und Korbmachern eingefunden, es waren annähernd 50 Wagen. Ein großer Teil der Weiber und Kinder trieb sich handelnd und bettelnd in der Stadt umher. Um die Einwohnerschaft vor den Belästigungen der Gesellschaft zu schützen, wurde dieser nach Schluß des Marktes seitens der Polizei nahegelegt, die Stadt zu verlassen. Während die Zigeuner meist gutwillig abzogen, mußte ein Teil der Korbmacher unter Anwendung von Gewalt durch die Polizei in Bewegung gebracht.“
Fahrende Händler
Vieh- und Pferdemärkte finden in Lippstadt bis weit ins 20. Jahrhundert allmonatlich statt. Fahrende Händler spielen dabei stets eine große Rolle. Aus oben zitiertem Artikel geht hervor, dass es sich bei den fahrenden Händlern nicht nur um „Zigeuner“ handelt, sondern auch um andere Gruppen, die hier als Korbmacher bezeichnet werden. Auffallend an dem Bericht ist: Die Überschrift („Zigeuner-Landplage") verzerrt das Geschehen, ziehen die „Zigeuner“ doch freiwillig ab. Es sind die Korbmacher, die sich widerspenstig verhalten.
Pferde auf Jakobi
Besonders viele „Zigeuner“ kamen alljährlich Ende Juli zum Mastholter Jakobimarkt. Dort lagerten sie dann in bis zu 20 selbstgebauten Wohnwagen. Die Sinti handelten mit Pferden und verkauften Haushaltswaren wie Körbe und Pfannen. 1924 schreibt der Patriot:
„Sehr zahlreich waren wieder die braunen Söhne der Pußta erschienen, die den Pferdehandel mit sportmäßiger Leidenschaft betreiben und es meisterhaft verstehen, Pferdemängel bei der Vorführung zu verdecken und auf diese Weise selbst die übelsten Schläger an den Mann zu bringen.“
Schläger sind Pferde mit der gefährlichen Neigung, unvermittelt mit den Hinterbeinen auszuschlagen. Den Sinti-Pferdehändlern werden somit betrügerische Machenschaften unterstellt – sie werden, im Wortsinn, als Rosstäuscher abqualifiziert.
Zigeunerball
Indes war der Jakobi-Trubel über Generationen nicht ohne „Zigeuner“ denkbar. Der Reiz des traditionellen Jahr-, Kram-, Vieh- und Pferdemarkts hing maßgeblich von ihrer Präsenz ab. Am Vorabend zogen sie in Mastholte ihren großen Zigeunerball auf – Musik spielte auf, es wurde getanzt und gesungen. Wie gering viele aber in Wahrheit die „Zigeuner“ schätzten, deutet ein im Juli 1932 erschienener Bericht an. Es geht um einen Graben am Mastholter Ortsrand, in dem sich übelriechender Schlamm angesammelt hat, der hauptsächlich von den Abwässern der örtllichen Molkerei herrührt:
„Besonders groß war dieses Übel wieder in den letzten heißen Tagen, wo kein Mensch diese Straße, ohne einen gewissen Ekel empfinden zu müssen, passieren konnte. Recht bezeichnend für diesen Übelstand ist die Tatsache, daß sich sogar Zigeuner, denen diese Straße gewöhnlich als Standort zugewiesen wird, dagegen beschwert haben.“
Schmähschrift
Unverhüllt zum Vorschein kommt die Abscheu gegen die Sinti im Juli 1931 unter der Überschrift „Zigeunerstelldichein“: Die Glocke berichtet aus Liemke (heute ein Ortsteil von Schloss Holte):
„Alle Jahre wieder erlebt man hier zur Sommerzeit dasselbe Schauspiel, Zigeunerkarawane über Zigeunerkarawane kommt herangezogen. Weiß der Henker, wo sie so auf einmal alle herkommen! Es ist, als ob sich alle Stämme um diese Zeit in der Senne ein Stelldichein geben, mit magischer Gewalt angezogen von den herannahenden Märkten, besonders vom Enniger Markt, von der Jakobikirmes in Mastholte, vom Fohlenmarkt in Lippborg und vom Pollhans in Schloß Holte, wo die braunen Söhne und Töchter des südlichen Wandervolkes ihre mehr oder weniger, meistens weniger ehrlichen Geschäfte zu machen hoffen. Bis dahin ziehen sie kreuz und quer durchs Land, zur ,Freude‘ der Landjäger, die sie im Auge behalten müssen und eifrig darauf bedacht, den Landwirten die Sorge für so manches Stück Geflügel und überhaupt alles, was nicht niet- und nagelfest ist, abzunehmen. Aber das liegt nun mal im Blut. Die Katze läßt das Mausen nicht, und Zigeuner, na, sind eben Zigeuner.“ (Anmerkung der Red.: Mit Landjägern sind Polizisten gemeint).
Romantisierung
Die Herabwürdigung ist das eine. Zugleich werden Sinti und Roma seit dem 19. Jahrhundert romantisiert: Man stellt sie als freie, naturverbundene Nomaden mit leidenschaftlicher Musik, Tanz und Sinnlichkeit dar – zum Beispiel in Opern wie Carmen. Kehrseite dieser Huldigung ist die Zementierung der Klischees von gesellschaftlichen Außenseitern. Am 28. Februar 1905 berichtet der Patriot über ein Kostümfest katholischer Kaufleute und Beamter in Lippstadt:
„Eine stattliche Zigeunertruppe in der malerischen Tracht der Pußtakinder bildete den Mittelpunkt der großen Abendgesellschaft. Die prächtig kostümierten ,Zigeunerinnen‘ und ,Zigeuner‘ waren denn auch schier unermüdlich in ihren Darbietungen; bald erfreute sich das Auge des Zuschauers an den vorzüglich eingeübten Nationaltänzen der ,Truppe‘, bald an dem romantischen Lagerleben, das sich auf der Bühne entwickelte, wo die ,Zigeuner‘ in buntem Kreise um den mächtigen Kessel und den charakteristischen Planwagen lagerten, wo sie tranken, schmauchten und plauderten ..."
Orchesterlob
Die über Jahrzehnte regelmäßig in Lippstadt auftretenden Zigeunerorchester werden in den Lokalzeitungen stets über den grünen Klee gelobt. Wenn hier aber mal ein Sinto als Musikalienhändler unterwegs ist und Geigen verkauft, dann wird er in der Presse kurzerhand zum Betrüger erklärt, wie am 9. Februar 1912:
„Die Käufer, welche glaubten, von einem Zigeuner besonders kunstverständig bedient zu werden, haben jetzt eine wertlose Geige im Besitz. Die Dummen werden nicht alle.“
Begräbnisreport
Über Hochzeiten und Trauerfeiern berichteten Zeitungen schon früher nur in Sonderfällen, zum Beispiel wenn Prominente beteiligt waren. Eine weitere Ausnahme von der Regel waren Sinti-Familienfeste. „Das seltsame und äußerst interessante Schauspiel eines Zigeunerbegräbnisses bot sich jetzt in unserer Stadt dar“, heißt es in einem Bericht aus Werl im November 1898:
„Von einer vor dem Thore lagernden, etwa 20 Wagen umfassenden Zigeunerbande war ein Mitglied gestorben, der Pferdehändler und Besitzer mehrerer Häuser in Dortmund namens Grünholz. Eine zahlreiche Menschenmenge wohnte der Bestattung bei, die Zigeuner folgten dem Zuge zu Pferde und zu Fuß. Die hochwürdige Geistlichkeit nahm auf dem Kirchhofe in vollem Ornat die kirchliche Einsegnung vor. Der Witwe war nach dem üblichen Brauche das Haupthaar kahl geschoren worden. Da sie während der ganzen Zeit, vom Tode ihres Mannes ab, hatte fasten müssen, konnte sie sich kaum aufrecht halten. Ein Leichenschmaus vereinte nachher die ,Kinder der Pußta‘ in einem Saale, wobei dem Weine nach Kräften alle Ehre angethan wurde. Den Begräbnißplatz ziert schon jetzt ein prachtvolles Denkmal.“
Bezeichnenderweise ist in der „Reportage“ von Kindern der Pußta die Rede, obwohl die Vorfahren des Verstorbenen wahrscheinlich schon vor über 400 Jahren, im 15. Jahrhundert, in Westfalen eingewandert waren.
Klischeedichter
Auch der bekannte Lippstädter Heimatdichter Franz Kesting hat wiederholt Zigeunerklischees bedient. Sein 1927 im Patriot veröffentlichten Aufsatz „Fahrendes Volk“ handelt von den Wanderern, die überall und nirgendwo daheim sind:
„Auf der Landstraße ein Trupp Zigeuner. Sie wandern, wandern Tag für Tag, wandern jahraus jahrein. „Weiter nur zu! Weiter nur zu! Zigeunerkind hat keine Ruh!" Und gleich den braunen Gesellen wandert so mancher Mutter Sohn. …“
In einem Aufsatz über die Unannehmlichkeiten des Monats November („Tage, die uns nicht gefallen“ aus dem Jahr 1931) vergleicht Kesting die „Zigeuner“ mit Winterkrähen aus dem Osten:
„Vor einigen Tagen streiften sie noch in den endlosen Steppen Rußlands und Sibiriens umher. Die Angst vor des Winters Strenge trieb sie gen Westen, und nun irren diese Hunnen als wandernde Zigeuner und plündernde Kosaken über die Lande westlich der Elbe.“
Bei den Fichten
Allerorts hatten Sinti und Roma früher einen fest zugewiesenen Bereich, wo sie gegen Gebühr für einen begrenzten Zeitraum, oft nur 24 Stunden, campieren durften. In Lippstadt befand sich ihr Lagerplatz am Delbrücker Weg, und zwar auf dem nicht asphaltierten Teilstück zwischen Margaretensee und den Lippstädter Fichten – unweit der Kreuzung mit der Lipperoder Bismarckstraße.
Herbstwochen-Klatsch
Voller Vorfreude sieht der Patriot am 24. Oktober 1931 der Lippstädter Herbstwoche entgegen, die auch die Anwesenheit exotischer „Zigeuner“ mit sich bringt:
„Allerorten war das Regen und Weben zu spüren, das die Vorbereitungstage zur Herbstwoche erfüllte. Da scheuerte die Straßenkehrmaschine den Asphalt der Langestraße zum spiegelnden Parkett, auf dem am nächsten Tag der frohe Tanz munterer Geschäftigkeit seinen Beginn nehmen sollte. Kirmeswagen erregten die Aufmerksamkeit der Kinder und ließen ihre Phantasie schon Bilder allerlei wunderbarer Erlebnisse vor das Auge zaubern, Zigeuner, die braunen Männer mit ihrer sprudelnden Sprechweise und die Frauen in den weiten, bunten Röcken und mit dem ungepflegten fettglänzenden schwarzen Haar, tauchten auf.“
(Fortsetzung folgt)