Das Leid westfälischer Sinti

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Von der Redaktion am 26. Februar 2026, 12:40 Uhr

Von Christoph Motog

Lippstadt - „Das Zigeunervolk ist eine Landplage“, schreibt die Geseker Zeitung am 28. Oktober 1892:

„Stehlend und bettelnd durchziehen sie das Land, und wehe einer Hausfrau, welche von den zudringlichen Zigeuner-Weibern allein zu Hause angetroffen wird; dann nehmen sie alles, was ihnen in die Finger fällt. Auch gestern Abend lagerte eine ganze Bande dieser Nomadenvölker auf dem Kahlenhof und traten dort in einer solch frechen und aufdringlichen Weise auf, daß es sicherlich zu einer Schlägerei gekommen wäre, wenn nicht Polizei dort anwesend war.“

Wie konnte es dazu kommen, dass eine seit Jahrhunderten in Deutschland ansässige Gruppe pauschal als „Landplage“ verunglimpft wird? Die Antwort findet sich im Spätmittelalter, als die ersten „Zigeuner“ nach Deutschland kamen. (Weil der Begriff Zigeuner historisch belastet ist, spricht man heute von Sinti und Roma, wobei das ein etwas pauschaler Oberbegriff für eine Vielzahl miteinander verwandter Volksgruppen ist, die ursprünglich in Nordindien lebten. Diese sogenannten Rom-Völker wanderten ab dem 13. Jahrhundert in Europa ein und ließen sich quer über den Kontinent nieder.) Im deutschsprachigen Raum tauchten „Zigeuner“ ab dem frühen 15. Jahrhundert auf; es handelte sich dabei ausschließlich um Sinti (Roma kamen in nennenswerter Anzahl erst ab dem 19. Jahrhundert nach Deutschland). Die Sinti kamen in kleinen, friedlichen Gruppen – sie führten weder Übles im Schilde noch stellten sie Gebietsansprüche. Anfangs erhielten viele von der Obrigkeit Schutzbriefe, vor allem dank ihrer oft beeindruckenden Fähigkeiten, zum Beispiel als Schmiede oder Korbflechter. Die ansässigen Handwerksstände empfanden die versierten Einwanderer jedoch als unliebsame Konkurrenz, sodass der Schmu unters Volk gebracht wurde, sie seien osmanische Spione und Tataren, denen man buchstäblich das Handwerk legen müsse. Alsbald herrschten Abwehr, Ausgrenzung und Verfolgung vor – den Sinti wurde es immer schwerer gemacht, ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Die Hetze nahm stetig zu und gipfelte in der Behauptung, Zigeunerbanden betrieben Kinderraub. Ab dem späten 15. Jahrhundert wurden die Sinti dann für vogelfrei erklärt; Vertreibungen und Gewalt wurden legitimiert.

Ende des 19. Jahrhunderts verstärkte der Staat die polizeiliche Verfolgung, man sprach von einem „Zigeunerproblem“ und nutzte alte Vorurteile, um Sondergesetze und Lager zu rechtfertigen. Am 9. September 1883 erschien in der Lippstädter Zeitung (nicht zu verwechseln mit dem Patriot) ein Bericht über „ein interessantes Bild“ an der Landstraße zwischen Lippstadt und Cappel:

Bei Cappel gelagert

„Am Schlachthofe waren es zwei bronzefarbene Weiber in buntem Flitter, welche lebhaft gestikulierend und schwatzend barfuß von Haus zu Haus schlichen und die Jugend in größte Aufregung brachten. Wie sich später herausstellte, gehörten diese unheimlichen fremden Gestalten einer größeren bei Kappel lagernden Zigeunerbande an. In den glühenden Augen, denen nichts entging, schwankte der Ausdruck zwischen Schlauheit und Furcht. Es waren gewiß die erprobten ,Seherinnen‘, welche als vorzügliche Kundschafter dem Heere vorausgehen. Ihnen folgten nach einiger Zeit andere, welche es ebenfalls – nach den gefüllten ,Schultaschen‘, die sie mit sich führten, zu urtheilen – in der Kunst des Bettelns und Nehmens zu einer anerkennenswerthen Fertigkeit gebracht hatten. ….“

Am Schluss setzt der Verfasser noch einen drauf:

„,Unstet und flüchtig‘ ist ihre Signatur. So sind und bleiben die Zigeuner eine Landplage, die wir tragen müssen, während sie singen: ,Welch ein lustig Leben ist Zigeunerleben! Juchheidi!‘“

Schmähung

In vielen Zeitungsberichten jener Zeit werden vage Verdächtigungen zu Vorverurteilungen aufgebauscht. Am 19. Dezember 1896 berichtet die Lippstädter Zeitung über eine „aus 7 Wagen bestehende Zigeunerbande“, die in Geseke festgenommen wird. „Die Kerle“ sollen in Pommern einen Landfriedensbruch begangen haben. Es handelt sich um eine Gruppe von Kesselflickern, Schlossern und Schmieden. Einen Monat später folgt der Bericht über den Prozess, der den Beschuldigten in Paderborn gemacht worden ist. Ergebnis: Es war ihnen lediglich Gewerbesteuer-Hinterziehung nachzuweisen. Die dafür verhängten Strafen gelten durch die Untersuchungshaft als verbüßt. Anstatt sich mit diesen Fakten zu begnügen, schließt der Zeitungsbericht mit einer Schmähung:

„Wegen ihres Schmutzes wurden den Unholden im Untersuchungsgefängnis die Haare kurz geschoren, was die Zigeuner als eine Schmach ansehen und hoffentlich dazu beitragen wird, daß das Gesindel den Bereich unserer Stadt fernerhin meidet: denn wo ,geschoren‘ wird, läßt sich das Zigeunertum erfahrungsgemäß nicht blicken.“

Das Kahlscheren von „Zigeunern“ bleibt ein Thema. Der Patriot veröffentlicht am 1. Dezember 1898 eine Meldung aus dem Kreise Lippstadt:

„Die Zigeunerplage ist in hiesiger Gegend in der letzten Zeit unerträglich geworden, es wäre höchste Zeit, daß die Behörden mit Energie gegen sie Maßregeln ergriffe. Die Behörde würde gut thun, die Köpfe der Zigeuner auf gehörige Reinlichkeit zu untersuchen. Findet sich diese, wie zu erwarten, nicht vor, lasse man sie samt und sonders möglichst kahl scheren …“

Falscher Verdacht

Indes wird der Mythos des Zigeuners als Kinderräuber fortwährend gepflegt. Verschwindet irgendwo ein Kind, liegt für Behörden und Lokalzeitungen die Vermutung nahe, dass durchreisende Zigeunersippen dahinter stecken. Spätere Ausgaben der Zeitungen greifen jedoch nur die wenigsten dieser den Sinti angelasteten Vermisstenfälle noch einmal auf. Warum? Ein am 7. Oktober 1910 im Patriot erschienener Bericht gibt einen Fingerzeig auf all die nicht wieder aufgegriffene Vermisstenfälle:

„Ein Zigeunermärchen. Der 12 Jahre alte Sohn eines Händlers aus Loxten bei Versmold traf gestern Nachmittag auf dem Rade bei einem hiesigen Kaufmann ein und erzählte von seiner Entführung durch Zigeuner. Er gab an, daß er von einer Zigeunerbande in Versmold aufgegriffen und samt seinem Fahrrad in einen Wagen eingeschlossen worden sei. In diesem habe er dann die Fahrt bis durch Warendorf gemacht, wo er am Osttore wieder ausgesetzt worden sei mit dem Auftrage, bei einem Kaufmann Waren zu erbetteln. Diese Gelegenheit habe er zu seiner Flucht benutzt. Wenngleich die ganze Erzählung des Burschen sehr märchenhaft lautete, unterzog man sich doch der Mühe, der Sache auf den Grund zu gehen, konnte aber bald feststellen, daß hier gar keine Zigeuner durchgekommen waren und die ganze Entführungsgeschichte erfunden war. In die Enge getrieben gestand der Bursche denn auch bald ein, daß an seiner Zigeunergeschichte nichts wahr sei. Das verlogene Knäblein wurde am Abend von seinem Vater, dem es schon allerhand Sorge und Kosten bereitet hat, wieder abgeholt. Hoffentlich wird ihm in der Heimat eine nachhaltige Holzkur verordnet.“

Fake News

Westfälische Sinti waren häufig von Fake News betroffen. Im Juni 1932 veröffentlichte die Lippstädter Zeitung unter der Überschrift „In der Notwehr erschossen“ aus Erwitte:

„Am Mittwochnachmittag wurde auf der Provinzstraße unweit der Zementwerke ein Zigeuner vom Gendarmerie-Hauptwachtmeister Keißinger in Notwehr erschossen. Der Erschossene sollte, unter dem Verdacht stehend, einen Diebstahl in Lippstadt ausgeführt zu haben, verhaftet werden, als sich plötzlich der Zigeuner mit einer etwa 15-köpfigen Zigeunerbande ernsthaft zur Wehr setzte und so den Beamten in Bedrängnis brachte. In dieser Bedrängnis griff der Hauptwachtmeister selbstverständlich zur Waffe und verletzte den Zigeuner tödlich.“

Die reißerische Meldung war jedoch eine Ente. Die Richtigstellung folgt auf dem Fuße:

„Die in der gestrigen Nummer veröffentlichte Notiz ,In der Notwehr erschossen‘ entspricht nicht den Tatsachen. Es hat überhaupt kein Streit stattgefunden. Der betreffende Hauptwachmeister hat den Zigeunertrupp lediglich nach Anröchte weitergeleitet.“

Üble Nachrede

Im Ersten Weltkrieg müssen Sinti als Sündenböck herhalten. Im Mai 1915 schimpft ein Redakteur über „Schmarotzer am Volkskörper“, die „nicht kämpfen und die nicht arbeiten und die doch essen“. Sein Vorschlag: „Man sollte meinen, es gäbe keine günstigere Gelegenheit zur definitiven Lösung der Zigeunerfrage als diesen Krieg. Wir machen so sehr viel auf dem Verordnungswege: Warum da nicht einfach eine Verordnung, wonach alle im Lande umherstreifenden Elemente kurzer Hand aufgegriffen und zwangsweise zur Arbeit angehalten wenden? Es gehen in diesem Kriege so manche alte Rechtsanschauungen zum alten Eisen, warum nicht auch jene, die da ungeschriebene ,Rechte‘ der Zigeuner achtet?“

Vertreibung

Manchmal vertrieb man Sinti und Roma kurzerhand per Erpressung, zum Beispiel im September 1925 aus Störmede, wo eine Gesellschaft mit 7 Wagen und 21 Pferden gelagert hatte:

„Die Familienoberhäupter, 5 Stück an der Zahl, mußten mit zur Polizei, wo sie wegen bandenweisen Umherziehens mit einer empfindlichen Polizeistrafe bedacht wurden. Da die Pußtasöhne aber beteuerten, nicht so viel Geld zu besitzen, mußte zu einem Radikalmittel gegriffen werden. Der Polizist Salomon wurde beauftragt, ein Rößlein zu holen. Es dauerte nicht lange und Roß und Reiter kamen die Straße entlang. Und siehe da, als dies die Herrschaften sahen, bekamen sie es mit der Angst und hatten das Geld schnell zur Hand. Zur Bekämpfung des Zigeunerunwesens kann ein solches Vorgehen nur begrüßt werden.“

(Fortsetzung folgt)