Fake-Joints: Razzia beim Rapper

Der Lippstädter Rapper Nessuh. Foto: Sebastian Luigs

Zu sehen ist ein Screenshot aus dem "Gang Gang"-Video: Nessuhs Kumpel rauchen vor der Kamera, aber keine Drogen.

Der Lippstädter Rapper Nessuh. Foto: Sebastian Luigs

Zu sehen ist ein Screenshot aus dem "Gang Gang"-Video: Nessuhs Kumpel rauchen vor der Kamera, aber keine Drogen.

Von Christoph Motog

 

Lippstadt - Es klingelte. Sechs Polizisten standen morgens um 9.20 Uhr mit einem Durchsuchungsbefehl vor Nessuhs Tür. Der Lippstädter Rapper konnte jüngst kaum fassen, was da geschah, aber er ließ die Beamten bereitwillig ihren Job erledigen – „ich hatte ja nichts zu verbergen“. Die Polizei suchte nach Drogen, fand aber nichts. Nach einer Stunde war der Spuk beendet. 

 

Was war da los? Im Sommer 2020 hatte Nessuh ein Musikvideo zu seinem Song „Gang Gang“ aufgenommen. Gefilmt wurde am Liesborner See. Die Dreharbeiten waren ordnungsgemäß bei den Behörden angemeldet. Nessuh hatte sich ein paar Kumpel ins Boot geholt, die mit ihm vor der Kamera standen. „Gang Gang“ ist ein groovender, melodiöser und smarter Song, der den Freizeitgenuss einer Clique thematisiert. Im Video wird mal in der Natur gechillt, mal ausgelassen mit Wassergewehren herumgealbert. Und es wird viel geraucht.

 

Nichts Illegales

 

Was im Video gepafft wird, sieht bei oberflächlicher Betrachtung nach berauschenden Joints mit Haschisch oder Marihuana aus. In Wirklichkeit handelte es sich jedoch um legal erhältliche, so genannte CBD-Zigaretten, die weder ein Rauschgefühl erzeugen noch psychoaktiv wirken. Der Bedarf an diesen Joint-Attrappen war immens, bedurfte es doch zig Takes, bis sämtliche Einstellungen perfekt waren. Somit zogen sich die Dreharbeiten hin: Nessuh und seine Kumpel standen an zwei Tagen von morgens bis spätabends vor der Kamera, so dass immer wieder neue CBD-Zigaretten angezündet werden mussten, um die Raucher-Takes ansprechend in Szene zu setzen. Man stelle sich vor, das wären alles keine CBD-Zigaretten, sondern wirkliche Hasch- oder Marihuana-Joints gewesen: „Wie high wären die Leute gewesen?“, fragt Nessuh. Zweifellos hätte nach dem Genuss echter Joints „keiner die zweitägigen Dreharbeiten durchgestanden. So ein Musikvideo bedeutet harte Arbeit“.

 

Alles nur gespielt

 

Dass in Rap-Videos viel rauchendes Volk durchs Bild läuft, ist üblich. Es gehört zu den genreüblichen Codes, dass massiv gepafft wird. Und Rapper arbeiten viel mit Ironie. Entscheidend ist: Musikvideos sind künstlerische Werke, die nicht mit der Realität zu verwechseln sind. „Wer einen Hollywood-Thriller schaut, käme ja auch nicht auf die Idee, zu fragen, ob da wirklich jemand umgebracht worden ist. Jeder weiß, dass alles nur gespielt ist.“ Somit wurmt es Nessuh, dass er mit der Hausdurchsuchung eine Kriminalisierungserfahrung über sich ergehen lassen musste, obwohl sein „Gang Gang“-Musikvideo nichts anderes als ein kreative Arbeit war. Im Gegensatz zu seinen Kumpels ist Nessuh selbst in dem Video übrigens nicht rauchend zu sehen, er taucht nur in seiner Eigenschaft als singender Künstler auf.  

Der Polizei, die seine Wohnung (und zuvor auch die seiner Eltern) durchsucht hat, macht er ausdrücklich keinerlei Vorwürfe. „Die Beamten können für den Fall am wenigsten, sie waren ja gezwungen, auf Zuruf der Staatsanwaltschaft aktiv zu werden, nachdem eine Anzeige eingegangen war.“ Am Ende der einstündigen Wohnungsdurchsuchung unterhielten sich die Beamten mit Nessuh noch über seine künstlerische Arbeit. Mit den freundlichen Worten „Machen Sie weiter so!“, verabschiedete sich ein junger Polizist, dem Nessuhs Musik ohrenscheinlich gefiel.

 

Verfahren eingestellt

  

Das Verfahren gegen Nessuh wurde bald darauf aufgrund erwiesener Unschuld eingestellt. Doch dass ein Künstler in unserer Gesellschaft so schnell kriminalisiert werden kann, nur weil irgendjemand eine haarsträubende Anzeige erstattet hat, bringt den Betroffenen noch immer auf die Palme. Die Freude am Rappen lässt er sich davon aber nicht verderben. Bei Youtube und Instagram findet sich bereits seit ein paar Monaten ein Nachfolgevideo: „Anthrazit“ , das er mit seinem Kumpel Perseus veröffentlicht hat.

 

Mit Nessuh ist auch in Zukunft zu rechnen, er hat vielversprechende Projekte in der Pipeline. Der Lippstädter ist übrigens kein Neuling in der Szene: Bereits 2010 machte er von sich Reden, als er sich kreativ mit dem Tagebuch der Anne Frank auseinandersetzte. Nessuhs Lied wurde seinerzeit sogar im Anne-Frank-Haus in Amsterdam vorgestellt. -Christoph Motog