Ein Nachruf auf "K.W."

Viele Weggefährten und Stammgäste platzierten vorm Kiek rin Kerzen zum Gedenken an Karl-Werner Padberg. Foto: Motog

Viele Weggefährten und Stammgäste platzierten vorm Kiek rin Kerzen zum Gedenken an Karl-Werner Padberg. Foto: Motog

Von Christoph Motog

 

Lippstadt - Ein Bier für 70 Pfennig. Kleinpreisig ging es zu, als ein junger Mann aus Schwelm 1973 nach Lippstadt kam, um hier als Wirt sein Glück zu machen. Fast ein halbes Jahrhundert galt Karl-Werner Padberg fortan als hochgeschätztes Original in der Lippstädter Kneipenszene, zunächst im Zum Musketier, später im Kiek rin. Unter seinen Stammgästen fanden sich auffallend viele Berufskollegen, für die K.W., wie er von allen genannt wurde, stets ein offenes Ohr hatte. „Man hilft sich aus, wo man kann“, brachte er seine Haltung mal auf den Punkt. Auf den beliebten Gastronomen, dem Konkurrenzdenken fremd war, muss Lippstadt in Zukunft verzichten. Am 7. Juni 2021 ist Karl-Werner Padberg nach kurzer schwerer Krankheit gestorben.

 

Schon seine erste Gaststätte Zum Musketier (heute Café Paris) an der Spielplatzstraße 34 hatte sich Mitte der Siebziger zu einem Anlaufpunkt vieler Lippstädter Wirte entwickelt. Als größter Fan entpuppte sich der unvergessliche Onkel Willi aus der gleichnamigen Kneipe neben dem früheren Amtsgericht. Mit den Worten, „Ich geh’ mal eben in meine Filiale...“ überließ er den Tresen seiner Tochter und eilte in die Spielplatzstraße. „Ich bin dein Ziehvater“, sagte Willi oft zu K.W.

 

"Fasskneipe" Kiek rin

 

1981 hörte K.W. im Zum Musketier auf und verdingte sich ein paar Jahre lang jenseits der Gastronomie. Bis er am 1. Oktober 1988 die Chance ergriff, eine Kneipe zu übernehmen, in der er sowieso schon Stammgast war: das mit viel Holz und Eichenbalken ausstaffierte Kiek rin zwischen Rathaus und Poststraße. Hotspot des Schankraums war und ist das offene Riesenfass. Darauf angesprochen, konnte K.W. stets aus einem überbordenden Anekdotenschatz schöpfen. Gern erzählte er von dem Pärchen, das sich inmitten des Bottichs kennengelernt hatte und schon bald darauf heiratete. Die beiden zogen aus Lippstadt weg, doch jedes Mal, wenn sie auf Besuch herkamen, kehrten sie ins Fass und damit in den Uterus ihrer Liebe zurück.

 

„Damals wurde in Lippstadt noch richtig Kneipenkarneval gefeiert“, hat sich Karl-Werner Padberg im Blicker-Interview mal an seine Anfänge in der Rathauspassage erinnert. Von Weiberfastnacht bis Rosenmontag 1989 war fast rund um die Uhr volles Kiek-rin-Haus. Ein Jahr später war davon allerdings nichts mehr übrig: Ein schwerer Sturm mit Eisregen ließ die Leute zuhause bleiben. 1991 kam es noch dicker: Angesichts des ersten Golfkrieges wollte kaum jemand einen ausgelassenen Zug durch die Gemeinde wagen. Später gewannen die Narren in Lippstadt nie wieder richtig Land, was K.W. sehr bedauert hat: „Heute schauen dich die Leute doch schon komisch an, wenn du am Rosenmontag verkleidest durch die Stadt gehst.“

 

Elch Knut

 

Gern gab K.W. die Top 3 seiner illustresten Gäste zum Besten. Der erste kam am 2. Juni 2000: Sänger Drafi Deutscher („Marmor, Stein und Eisen bricht“) schaute am Rande seines Altstadtfest-Gastspiels auf einen Drink rein. Zweiter Star war der knautschgesichtige Schauspieler Wolfgang Völz (alias Graf Yosters Chauffeur Johann). Der dritte Star war ein verirrter Vogel, der zur Gaudi der Gäste Tische und Bänke zukackte. Dabei blieb auch das Maskottchen der Kneipe nicht verschont: Knut. So heißt die an der Wand prangende Elchsbüste, die K.W. wie einen Schatz in Ehren hielt. Gleichwohl konnte er nicht verhindern, dass in der Nacht auf den 3.Dezember 2016 Knuts schmuckes Namensschild entwendet wurde. Eine Gruppe engagierter Gäste sorgte jedoch dafür, dass der Elch noch vor Weihnachten ein neues Schild bekam, das dem Original in nichts nachsteht.

 

Unvergessen bleiben K.W.s Werbegags. "Jetzt Bierkönig werden!", hieß es mal bei Facebook: „Die schönste Schaumkrone zum vielleicht besten Bier der Stadt. Jetzt krönen lassen im Kiek rin.“ 

 

Für Karl-Werner Padberg hatte das gastronomische Jahr stets zwei Höhepunkte: die Kneipenfestivals im Frühjahr und Herbst. Er gehörte zu den Wirten, die im Laufe der Zeit kein einziges der Musikspektakel ausgelassen haben. Jedes Mal wurde das Kiek rin um ein weißes Vorzelt erweitert – und spätabends, wenn der Bär tanzte, verblüffte die kleine Fasskneipe mit einem Fassungsvermögen wie ein Livemusik-Club.