Zurück in der Zukunft:  The Swedish Man

Christian Schwede gehörte zu den ersten Musikern, die ihren Fans nach Beginn der Corona-Krise regelmäßig Livestreams boten.

Die Livestreams bringen Christian Schwede kein Geld, aber: "Ich entwickele mich dabei weiter, habe mir viel beigebracht, komme technisch endlich mal wieder auf den Stand der Zeit.?

Christian Schwede gehörte zu den ersten Musikern, die ihren Fans nach Beginn der Corona-Krise regelmäßig Livestreams boten.

Die Livestreams bringen Christian Schwede kein Geld, aber: "Ich entwickele mich dabei weiter, habe mir viel beigebracht, komme technisch endlich mal wieder auf den Stand der Zeit.?

Von Christoph Motog

 

Lippstadt - Sweet Homestudio: „Wenn der Livestream vorbei ist, machst du das Licht aus und freust dich auf dein Bett“, weiß Christian Schwede alias The Swedish Man. Zu streamen ist für den Künstler eine vergleichsweise entspannte Sache. Und die Leute mögen es: Viele wollen es nicht mehr missen, von ihrem Lieblingsmusiker auf digitalem Wege aufgesucht zu werden. „Wenn du wieder draußen live unterwegs bist, vermisse ich mein Sofa“, hat jemand in einem Kommentar geäußert.

 

Wie so viele Künstler hatte Christian zu Beginn der Coronakrise einen Hänger. All die Konzertabsagen mussten erstmal verdaut werden. Existenzängste kommen auch jetzt noch zuweilen hoch, aber er gehört nicht zu jenen, die seit März permanent jammern. Wobei: „Das Jammern ist auch eine Chance. Daraus sind die besten Songs der Welt entstanden.“ Das Werk von Tom Waits, Leonard Cohen und anderen großen Songwritern beweist es. Schon wenige Tage nach Beginn des Lockdowns versuchte Christian, kreativ mit der Krise umzugehen. Noch im März kam ihm die Idee, Gigs nach Art eines Autokinos zu geben. Die Arnsberger Bezirksregierung schmetterte das mit dem Argument ab, es könnten Zaungäste angelockt werden. Christian war enttäuscht, waren seine Vorbereitungen doch schon weit gediehen, die Plakate druckbereit. „Ich wäre der erste in Deutschland gewesen und hätte die Autokonzerte super vermarkten können.“

 

Corona-Ride

 

Ein anderer Einfall war quarantänetauglich. Der „Corona Ride“, bei dem er mit einem Lastenrad unterwegs ist und Straßenkonzerte gibt. Die Leute finden es klasse, den Swedish Man von ihrem Fenster oder ihrem Bürgersteig aus erleben zu können. Als er an der Boschstraße spielte, erzählte ihm eine Frau, dass sie gerade ihren 89. Geburtstag feiert. Sie würde ihren Nachbarn gern selbst ein Ständchen mit dem Schifferklavier bringen – aber sie könne es leider nicht mehr, weil die Hände nicht mehr mitmachen. „Daraufhin hab ich für sie ,Für dich soll‘s rote Rosen regnen‘ gespielt. Die Frau war gerührt und fing an zu weinen. Und ich musste auch weinen.“ 

 

„Wie kann ich mich jetzt ändern und neu erfinden?“ Die Frage beschäftigt Christian seit Beginn der Krise. Er dachte an seine Zeit als Straßenmusiker zurück, zog die richtigen Schlüsse – und war zurück in der Zukunft. The Swedish Man gehörte zu den ersten, die ihre Fans alle paar Tage via Streaming übers Internet unterhalten. „Ein bisschen ist man das seinen Fans ja auch schuldig.“ Geplant waren wenige Einzelsendungen, inzwischen zieht er das Ding seit Monaten durch und hat viele Show absolviert – zunächst unterm Titel „Corona Friday Night“, mittlerweile als „Couch Potato Concerts“. So lautet auch der Name der zuletzt fast 600 Mitglieder zählenden Facebook-Gruppe, in der die Livestreams übertragen werden. Neben den Konzerten streamt er Gesprächsabende („Corona Talk am Montag“) mit heimischen Kreativen.

 

Es bringt kein Geld

 

Vielleicht werden viele hinterher sagen: „In der beschissenen Zeit hat der Schwede ganz viel für uns gemacht.“ So könnten sich seine Aktivitäten im Nachhinein auszahlen. Bis auf Weiteres braucht der Musiker allerdings einen langen Atem. So gut wie die Netzshows bei den Leuten auch ankommen, bringen sie ihm doch kein Geld ein.

 

Dass sich das Streamen für den Berufsmusiker nicht unmittelbar rechnet, ist das eine. Trotzdem würde Christian die Shows nach der Corona-Zeit gern fortsetzen. Nicht nur, dass er viele Leute damit glücklich macht. „Mir macht es ja auch Spaß. Ich entwickele mich dabei weiter, habe mir viel beigebracht, komme technisch endlich mal wieder auf den Stand der Zeit.“ Seine Shows zeichnen sich nicht nur durch handgemachte Livemusik aus. Sie wirken auch dank der von ihm geschaffenen Trailer, Intros und Einspieler hochprofessionell. Der durch den Dschungel stampfende Dino oder das über die Straße laufende Musikermännchen: Er hat eine eigene Handschrift mit hohem Wiedererkennungswert entwickelt, verbindet moderne Videotechnik mit dem Retro-Charme der Staffelbildtechnik aus den 60ern. Dazu hat er ein Gespür fürs Timing und für Spannungsbögen, setzt die Einspieler zum passenden Zeitpunkt ein, bevor es auch nur einem Zuschauer langweilig werden könnte.

 

Zettelwirtschaft

 

Der technische Rahmen der Streams wird sorgfältig vorbereitet. Dadurch hat er einen freien Kopf, kann aufs Publikum eingehen und spontan agieren. Christian geht ohne Setlist in seine Netzshows, weil er nicht weiß, wie er drauf sein wird und vorher kaum abschätzen kann, welche Lieder er gerade fühlen kann und welche nicht. So kramt er während der Übertragung immer wieder in seinen Mappen, wird aber jedes Mal flugs fündig. Diese Vorgehensweise lässt sein Studio zu einer Zettelwirtschaft mutieren – der Fußboden ist am Ende übersät mit Songtexten und Noten. „Wenn du hier nach der Show reingucken würdest – du würdest die Hände überm Kopf zusammenschlagen.“

 

Das Aufräumen erledigt er zeitnah, um sich den vielen weiteren Projekte widmen zu können, mit denen er beschäftigt ist. Mit Duo-Partnerin Sarah Nauber arbeitet er an einem Magnolia-Album, dessen Veröffentlichung im Herbst ansteht. In der Mache ist nach vielen Jahren auch wieder ein Reggae-Werk. Und ein Hip-Hop-Album. The Swedish Man ist immer auf der Suche nach neuen Inspirationen und aus tiefster Überzeugung vielseitig unterwegs. „Das ist wie bei der Evolution: Es wird gemischt, damit etwas Neues entsteht. Wenn du in einem Song Blues und Hip-Hop mischst, bleiben die beiden Genres einerseits unterscheidbar. Aber in der Mitte entsteht etwas Neues, das vielleicht zunächst kaum wahrnehmbar ist – aber daraus kann sich was entwickeln.

 

Christian wird oft als Vertreter guter alter handgemachter Musik gerühmt. Dabei bereichern ihn auch digitale Einflüsse. „Das Digitale ist ein Instrument wie jedes andere auch. Und wenn ich das Digitale mit dem Analogen mische, kann sich was Neues entwickeln.“

 

Sich neu erfinden

  

Die Corona-Zeit hat ihn aus einem Dornröschenschlaf wachgerüttelt, er besinnt sich wieder auf seine Stärken: „Zuletzt bin ich ja nur noch aufgetreten und habe meine Komfortzone nicht mehr verlassen. Ein Musiker muss sich aber immer wieder neu erfinden.“ Auf der Suche nach Inspiration recherchiert er im Netz ohne Scheuklappen und beschäftigt sich mit Richtungen, die bei anderen durch jedes Raster fallen würden. Zum Beispiel japanischer Hip-Hop: „Ich will alles wissen: Wie entsteht das? Wie machen die das?“ Kürzlich hat er sich arabische Musik vorgenommen. Seine Neugier kennt keine stilistischen und geographischen Grenzen. Schade, dass es mit so einer Haltung schwierig ist, musikalische Mitstreiter zu finden. Viele scheuen vor Experimenten zurück, spielen seit 40 Jahren die gleiche Richtung. „Dabei ist jetzt eigentlich die ideale Zeit, mal was auszuprobieren.“

 

An jedem Ort der Welt spielen können, um im Sommer das Geld für die Livestreams im Winter zu verdienen. Darauf zielt sein neuestes Projekt: Der Bau einer fahrbaren Minibühne, die ihn dank eigener Stromversorgung unabhängig von örtlichen und zeitlichen Zwängen macht. Der Entwurf ist vielversprechend, die drei mal drei Meter große „Red Stage“ soll sich in nur 15 Minuten aufbauen lassen. Nach einem Mitte Juni gestarteten Crowdfunding-Aufruf ist die Anschubfinanzierung schon mal gesichert. Der Deal lautet: Jeder, der 200 Euro beisteuert, sichert sich ein Konzert von The Swedish Man.