Zwangsarbeiter in Lippstadt

Das russische Ehrenmal auf dem Hauptfriedhof erinnert an die vielen in Lippstadt zu Tode gekommenen Zwangsarbeiter aus den Ländern der früheren Sowjetunion. Foto: Motog

Das russische Ehrenmal auf dem Hauptfriedhof erinnert an die vielen in Lippstadt zu Tode gekommenen Zwangsarbeiter aus den Ländern der früheren Sowjetunion. Foto: Motog

Von Christoph Motog

Lippstadt - Mehrere tausend Menschen leisteten im Zweiten Weltkrieg in Lippstadt Zwangsarbeit, herrschte in der deutschen Wirtschaft doch spätestens seit 1940 ein akuter Mangel an Arbeitskräften. Neben über 1000 aus Auschwitz überstellten jüdischen Frauen und einigen wenigen deutschen politischen Häftlingen und Angehörigen der Zeugen Jehovas waren es Kriegsgefangene, aber auch aus den besetzen europäischen Ländern verschleppte Zivilpersonen, die hier in der Rüstungsindustrie, in kleineren Betrieben, in der Landwirtschaft und in Privathaushalten schuften mussten – zumeist unter elenden Bedingungen. Sie kamen aus der Sowjetunion, Polen, Frankreich, Italien und anderen Ländern. Untergebracht waren die Geknechteten in Barackenlagern. 

 

Selbstmorde

  

Weit über 100 Zwangsarbeiter sind in Lippstadt zu Tode gekommen, darunter viele junge Mädchen und Frauen aus den Ländern der Sowjetunion. Erster Name auf der langen Gräberliste sowjetischer Staatsangehöriger in Lippstadt ist Maria Timoschenko. Die 19-Jährige wirft sich am 4. Dezember 1942 vor einen Zug. Die in den Akten als „Russin Nr. 741“ verzeichnete Ukrainerin war im sogenannten Russenlager der WMI am Dielenpfad untergebracht. In jenen Baracken schlief auch Klawdija Wodnewa. Die 18-Jährige stirbt am 4. April 1943. Als Ursache steht in den Akten: „Tod durch Erhängen.“

 

Von Tuberkulose bis Typhus

 

In den Lagern breiten sich Infektionskrankheiten aus. Mit gerade mal 17 Jahren stirbt Alexandra Kiwenko am 19. März 1944. Viele weitere Tuberkulose-Opfer folgen, darunter die 21-jährigen Poja Beliwanjewa und Alexandra Wlassowa. Eine weitere häufige Todesursache ist Typhus – eine der Betroffenen ist am 27. November 1944 die 22-Jährige Julie Konka aus dem LEM-Lager an der Beckumer Straße. Die 28-jährige Stescha Lesko stirbt am 17. Dezember 1942 an der Vitamin-B1-Mangelkrankheit Beriberi. Einer Lungenentzündung erliegt am 6. März 1944 die 18-jährige Polin Irina Stefanskaja. Die gleichaltrige Olga Zechmister trifft es acht Tage später – Ursache: „Verdacht auf Fleckfieber“. Bei vielen ist es trotz ihrer jungen Jahre das Herz: Die 19-jährige Olga Borisuk stirbt am 13. Januar 1945, zwei Tage später trifft es ihre gleichaltrige Gefährtin Tatjana Kubez. 

 

Bomben auf Lippstadt

 

Am 10. März 1945 erfolgt der einzige große Bombenangriff auf Lippstadt. Es trifft den Lippstädter Süden zwischen Kampstraße und Stirper Straße. Neben sechs Einheimischen sterben 14 an der Ecke Stirper Straße/Pappelallee untergebrachte Zwangsarbeiter der Metallwarenfabrik Heinrich Jungeblodt. Jüngste Tote ist die 14-jährige Weißrussin Nadja Poltorazkaja. Dunja Hamanjak stirbt nur acht Tage vor ihrem 16. Geburtstag. Die weiteren Opfer sind Olga Sluzkaja (18), Wera Holjak (18), Alexandra Filatowa (19), Anna Laschneskaja (19), Nina Schatiza (19), Nina Trejakowa (19), Lidija Zibulnikowa (20), Maria Zis (20), Maria Mosienko (24), Tatjana Iltschenko (25), Marija Litwinenko (31) und der 49-jährige Alexej Dmitrenko.

 

Ermordet

  

Andere sterben durch Gewaltanwendung ihrer Bewacher. „Ostarbeiter“ (so der Eintrag auf der Sterbeurkunde) Philipp Baresow, stirbt am 28. Juli infolge eines Bauchschusses. Der 36-jährige hatte in Rüthen-Meiste gearbeitet. Die ausführliche Schilderung eines Todesfalls infolge von Gewalt findet sich in der Zwangsarbeiterinnen-Dokumentation des Lippstädter Arbeitskreises Frauengeschichte aus dem Jahr 2007.

 

Eine einheimische Zeitzeugin berichtet: „Ich bin heute 83 Jahre alt und war in der NS-Zeit sechs Jahre lang dienstverpflichtet. Wir konnten damals wählen, ob wir zum Bauern oder in die Fabrik wollten. Zum Bauern wollte ich nicht. So kam ich zur WMI, zuerst ins Werk I, dann ins Werk II. Dort war ich auch mit Ausländerfrauen zusammen. Besonders gut erinnere ich mich an Anna und Natalia. Wir haben uns unterhalten, mit Händen und Füßen. Das durfte niemand mitbekommen. Es gab auch Deutsche, die darauf geachtet haben und einen dann verrieten. Zu Anna hatte ich ein besonders gutes Verhältnis. Sie war so ein liebes, kleines Mädchen und bildhübsch. Immer, wenn ich am Wochenende zu Hause war, habe ich mir Proviant mitgenommen, das war ja so wenig, was wir bekamen. Dann habe ich Anna immer etwas mitgebracht, einen Apfel oder ein Butterbrot. Das durfte aber niemand sehen, denn es war verboten. Wenn die Mädchen krank waren oder ihre Tage hatten und nicht richtig arbeiten konnten, wurden sie in einen Keller gebracht und verprügelt. Vor allem ein Nazi, er hieß nur ,der Polizist’, war dafür berüchtigt. Einmal verschwand die Anna. Am nächsten Tag hat die Natalia sie dann gefunden, im Keller. Sie saß auf einem Stuhl und war tot. Wenn ich heute noch daran denke – das war so schrecklich.“

 

Versorgungskrise

 

Die von Anfang an prekär gewesene Nahrungsmittelversorgung der Zwangsarbeiter spitzt sich in den letzten beiden Kriegsjahren massiv zu. Die Versorgungskrise nimmt in ganz Deutschland bedrohliche Ausmaße an, unter den Einheimischen breitet sich Angst vor einer Hungersnot aus. Zwangsarbeiter werden als Konkurrenten ums tägliche Brot wahrgenommen und zunehmend angefeindet. Und: Infolge der militärischen Erfolge der näher rückenden Alliierten befürchten die Deutschen Aufstände, weshalb die Zwangsarbeiter jetzt als „unsichere Elemente“ gelten.

 

Eskalation vorm Kriegsende

 

In den letzten Kriegsmonaten sind die Ausländer in höchster Lebensgefahr, viele werden ermordet. Erwähnt sei der Fall der Lippstädter Union-Werke kurz vor der Befreiung. Sechs deutsche Arbeiter werden erwischt, als sie ihr Brot verbotenerweise mit sieben französischen Kollegen teilen. Alle 13 werden in der Nacht auf Karfreitag im Dortmunder Rombergpark erschossen. In der Nähe von Warstein werden bei dem als „Massaker im Arnsberger Wald“ bekannten Verbrechen Ende März 208 Zwangsarbeiter sowie zwei Kinder von SS-Leuten und Wehrmachtssoldaten ermordet. In Erwitte werden noch am 1. April acht Zwangsarbeiter von braunen Banden erschossen – wenige Stunden, bevor die Amerikaner die Stadt einnehmen. Es handelt sich um sowjetische Kriegsgefangene, die einem Angehörigen des dem Volkssturm unterstellten Freikorps Sauerland in die Hände gefallen waren. Der Nazischerge klagt die Männer der Plünderei an und vollstreckt sein Urteil auf der Hellwegkreuzung.

 

Mit der Befreiung ist das Grauen für viele der Verschleppten noch nicht beendet. Die 19-jährige Anna Lisenko stirbt am 20. Juli im Evangelischen Krankenhaus Lippstadt an den Spätfolgen des jahrelangen Martyriums. Ursache laut Totenschein: „Lungenentzündung, Rippenfellentzündung und toxische Kreislaufstörung.“

Heimatlos in Deutschland

 

Die Überlebenden haben zwar das Ziel, nach Hause zurückzukehren, doch eine große Anzahl von Osteuropäern schreckt davor zurück, weil ihre Heimat nun unter sowjetischem Einfluss steht. Im befreiten Deutschland werden diese (offiziell „Displaced Persons“ genannten) Heimatlosen jedoch weiterhin von Einheimischen diskriminiert. Dennoch bleiben manche mangels Perspektive bis in die frühen Fünfzigerjahre. Die Betroffenen versuchen, sich hier so gut es geht einzurichten.

 

Das Lippstädter Polenviertel

 

Lippstadt entwickelt sich in der Nachkriegszeit zu einem Anlaufpunkt für heimatlose Polen. Die englische Verwaltung unterstützt sie und ordnete im Sommer 1945 an, dass Kolpingstraße, Klosterstraße und Kurze Straße (heute Lichtenbergstraße) von allen dort wohnenden Deutschen verlassen werden müssen, um Platz für ein ganzes „Polenviertel“ zu schaffen. Als Schule wird den Polen das Ostendorf-Gymnasium zugesprochen, der Bau wird beschlagnahmt und beherbergt fortan Kindergarten, Volksschule, Handelsschule und Universität. Erst im Herbst 1949 ziehen die Polen aus der Ostendorf-Schule ab.