Tasso: "Ich hatte das beste Publikum"

Das war 2015: Martha und Anastasios (alias Tasso) Chantzaridis vor ihrer Taverne. Archivfoto: Niggenaber

Tasso konnte nicht nur gut mit Menschen. 1997 beeindruckte er als Vogelflüsterer. Archivfoto

Hinter seiner Theke: Tasso in jüngeren Jahren. Foto: Helfried Stange

Das war 2015: Martha und Anastasios (alias Tasso) Chantzaridis vor ihrer Taverne. Archivfoto: Niggenaber

Tasso konnte nicht nur gut mit Menschen. 1997 beeindruckte er als Vogelflüsterer. Archivfoto

Hinter seiner Theke: Tasso in jüngeren Jahren. Foto: Helfried Stange

Von Christoph Motog

 

Lippstadt - Dass er es mal zum Kult-Wirt und Paten aller Lippstädter Pilsstunden bringen würde, war ihm nicht in die Wiege gelegt. Anastasios Chantzaridis wuchs als Bauernjunge in einem Dorf bei Thessaloniki auf. Der von allen nur Tasso genannte war bereits Anfang 30, als er 1964 nach Deutschland ging. Der Grieche verdingte sich als Fabrikarbeiter, bevor er 1972 ein kleines Lokal in der Lippstädter Kahlenstraße kaufte – die Taverne. „Dort wurde extrem viel gezockt.“ Verzehrt wurde weniger, die erhofften Umsätze blieben aus. 1974 übernahm Tasso den Gasthof Floer an der Woldemei, wo er sich schnell einen Ruf als Wirte-Original erzapfte. Erst mit 81 Jahren beendete er seine gastronomische Laufbahn. Vor wenigen Wochen ist Tasso nun in Thessaloniki gestorben, seine Frau Martha starb bereits im Mai 2019.

 

„Ich bin so stolz, in Deutschland mit allen gut klargekommen zu sein“, erklärte der Grieche beim Antreten seines Ruhestands Ende 2015. Er empfinde Lippstadt genauso als Heimat wie Thessaloniki. Stammgäste gehörten für Tasso zur Verwandtschaft – „ich sehe euch wie meine Familie“. Das waren keine hohlen Phrasen. Einige hat er sogar in seinem Haus in Thessaloniki aufs Gastfreundlichste empfangen. Der Lippstädter Helfried Stange und seine Frau Barbara verbrachten mal einen Urlaub auf der Halbinsel Chalkidiki. Als das Paar eines Tages vom Strand ins Hotel zurückkehrte, hatte der Portier eine Überraschung parat: „Da ist jemand für Sie.“ Es war Tasso, der den weiten Weg gekommen war, um die Freunde zu sich nach Hause zu entführen. In Thessaloniki war alles sorgfältig vorbereitet, vor Tassos Haus erwartete das Lippstädter Paar ein reich gedeckter Tisch, der von Souvlaki bis zum Schnitzel nichts zu wünschen übrigließ. 

 

"Kurz, lang - kurz, lang."

 

Sein gastronomischer Durchbruch beruhte auf der Fähigkeit, mit Spezies jeder Façon klar zu kommen. Zu Tasso in den Gasthof Floer kamen sie alle: Krawatten- und Holzschuhträger, Schüler und Studenten, Kripobeamte und Lebenskünstler, Deutsche und Engländer. Morgens waren es Rentner und Müßiggänger, die zum Frühschoppen einkehrten. „Kurz, lang – kurz, lang.“ Auf einen Schapps folgte ein Bier – und nochmal das Gleiche von vorn. Mittags eilten die Bediensteten der naheliegenden Ämter und Krankenkassen herbei. Sie ließen sich schmecken, was Familie Chantzaridis in der Küche zubereitete, darunter sowohl Hausmannskost wie ein Strammer Max als auch griechische Delikatessen wie Tsatsiki. Mancher schwärmt noch heute von der Schmalzstullen mit Zwiebeln für 70 Pfennig. Und Tasso war großzügig. Silvester bekam jeder Gast eine Flasche Sekt gratis auf den Tisch. Das gehörte sich für ihn so, da verbot sich jede Markfuchserei.

 

Die Eheleute verstanden es, Atmosphäre zu schaffen. Statt auf grelle Lampen setzten die beiden auf Schummerlicht. Auf jedem Tisch stand eine Kerze. Wer sich das erste Mal reintraute, wurde mit einem Gruß überrascht. Wo sonst bekam ein Fremder schon auf der Türschwelle ein freundliches „Willkommen“ zu hören.

 

Abends kamen die jungen Leute. Sie kamen in Scharen. Die Floer-Kneipe hatte Mitte der 70er einen unschätzbaren Standortvorteil. Sie gehörte zur Hauptmeile des Nachtlebens, die von hier aus via Stadtschänke, Anker und Goldener Hahn bis zum Cartoon am Lippertor führte. Auf Initiative von vorausschauenden Stammgästen wie Heinz Steltemeier war die zuvor traditionell geführte Gaststätte zur Musikkneipe mutiert – mit einer Stereoanlage und Platten von angesagten Künstlern wie Manfred Mann, Deodato oder Al di Meola.

 

"Pilsstunde zu Ende"

 

„Ich hatte das beste Publikum in Lippstadt“, resümierte Tasse Ende 2015. Der Grieche fand zu allen einen Draht. Falls sich jemand aggressiv aufführte, kannte er allerdings kein Pardon. Vor allem, wenn es um sein bestes Kneipenstück ging. Im Fernseh- und Spielsaal wagte ein Hallodri mal, die Füße auf dem Billardtisch zu legen. Mit einer energischen Bewegung zog Tasso ihm beinah den Stuhl unterm Hintern weg. „Ey hier nix Hawaii!“ Seine später von vielen Kollegen kopierte Pilsstunde bedeutete Bier zum Freundschaftspreis. Der halbe Liter eine Mark. Ab kurz vor 21 Uhr standen die Leute in Dreierreihen vor der Theke an. Dann gab es kein Halten mehr. Alles trank, als gäbe es kein Morgen. Zuweilen kam Tasso nicht hinterher. Weder mit dem Gläserspülen noch mit dem Zapfen. An den legendärsten Abenden war selbst ein soeben angezapftes Fass unfassbar schnell alle. Ihm blieb nichts übrig, als zu kapitulieren. Er stieg auf einen Hocker, machte sich an der Kneipenuhr zu schaffen und stellte sie kurz entschlossen um 15 Minuten vor – von Viertel vor 10 auf Punkt 10. Mit dem Verzweiflungsruf „Pilsstunde zu Ende“ war es vollbracht.

 

"Professore Tasso"

 

Die Erfolgsgeschichte hätte ewig weitergehen können, wenn der Gasthof Floer nicht der grandios fehlgeschlagenen Stadtsanierung an der Woldemei zum Opfer gefallen wäre. So musste Tasso im Sommer 1979 schweren Herzens raus. Es folgte ein Intermezzo in der Erwitter Pilsstube, bevor es nach dreieinhalb Jahren zurück nach Lippstadt ging: Ab Januar 1983 lief es unterm Namen Bei Tasso in der neuen Woldemei-Passage weiter. Hier gründete sich 1984 der Lippstädter Billard-Verein. Einige spätere Cracks haben dort das erste Mal ein Queue in der Hand gehalten. Der Tisch war stets belegt. Der Wirt war selbst Mitglied, seine Spielweise brachte ihm den Spitznamen Professore Tasso ein.

 

1987 entschloss sich Tasso, ein Haus an der Cappelstraße zu kaufen. Hier eröffnete sein Sohn 1988 die nach ihm selbst benannte Taverne Christo, deren Kultur von den Eltern wesentlich mitgeprägt wurde. Die Familie wohnte obendrüber, dorthin verschwand man aber nur zum Schlafen. Das eigentliche Wohnzimmer war der Schankraum.

 

"Lass laufen"

 

Nebenbei führte Tasso von 1989 bis 1998 auch den Kiosk im Freibad am Jahnplatz. Die Taverne entwickelte sich später zur TV-Sportsbar. Vor allem Dortmund-Fans haben hier zig Spiele ihrer Lieblingsmannschaft verfolgt. Als die Gaststätte 2015 schloss, verabschiedete sich Tasso vom Publikum mit seinen typischen Trinksprüchen, „Bleib gesund“ und „Lass laufen“. Entgegen ihrer anfangs bekundeten Absicht gingen Tasso und Martha aber nicht so ganz nach Thessaloniki. Sie verbrachten weiter einen Großteil ihrer Zeit in Lippstadt. Wenn Tasso aber in Griechenland weilte und dort von einem Landsmann etwas Schlechtes über Deutschland zu hören bekam, dann wies er sein Gegenüber in die Schranken und stellte klar, dass er kein weiteres abfälliges Wort über seine zweite Heimat hinnehmen werde. „Sonst bekommst du was von mir was zu hören!“