Vor 75 Jahren befreit: Judith Rosenberg

2018 veröffentlichte Judith Rosenberg alias Weinberger ihre Erinnerungen. Die Blicker-Redaktion wertete ihr Buch für den vorliegenden Artikel aus. Das im Verlag Litte, Brown Book Group erschienene "Love among the Ruins: How I survived Auschwitz and Dr Mengele" ist bereits vergriffen.

Ein ausführliches Interview mit Judith Rosenberg findet sich auf dem Holocaust-Erinnerungsportal Gathering the Voices (gatheringthevoices.com). Das hier zu sehende Bild ist ein Screenshot aus dem Video.

2018 veröffentlichte Judith Rosenberg alias Weinberger ihre Erinnerungen. Die Blicker-Redaktion wertete ihr Buch für den vorliegenden Artikel aus. Das im Verlag Litte, Brown Book Group erschienene "Love among the Ruins: How I survived Auschwitz and Dr Mengele" ist bereits vergriffen.

Ein ausführliches Interview mit Judith Rosenberg findet sich auf dem Holocaust-Erinnerungsportal Gathering the Voices (gatheringthevoices.com). Das hier zu sehende Bild ist ein Screenshot aus dem Video.

Von Christoph Motog

 

Zwischen dem 1. April und dem 10. Mai jährt sich ihre Befreiung zum 75. Mal: Über 1000 Jüdinnen leisteten zwischen Sommer 1944 und Frühjahr 1945 Sklavenarbeit in Lippstadt. Sie waren dazu benutzt worden, die Kriegsmaschinerie in zwei Fabriken am Laufen zu halten. Das Ende Juli 1944 bezogene Lager „SS-Kommando Lippstadt 1“ befand sich auf dem Gelände der Lippstädter Eisen- und Metallwerke (LEM) zwischen Graf-Adolf-Straße und der heutigen Beckumer Straße. Das zweite Lager („SS-Kommando Lippstadt II“) bestand ab dem 20. November im Stammwerk der WMI an der Hospitalstraße. Als die Alliierten sich Ende März 1945 Lippstadt näherten, wurden beide Lager geräumt. Die Insassinnen wurden auf den Todesmarsch geschickt, den die meisten überlebt haben.  

Auch die in Ungarn aufgewachsene Judith Rosenberg (geborene Weinberger) gehörte zu den Frauen, die in Auschwitz vom berüchtigten KZ-Arzt Josef Mengele ausgewählt wurden, um in Lippstadt die Kriegsmaschinerie am Laufen zu halten. Schottlands letzte Holocaust-Überlebende hat nicht vergessen, was ihr 1944 und 1945 widerfahren ist. Die heute 98-Jährige hat noch den ersten Befehl in den Ohren, den die jüdischen Sklavinnen nach ihrer Ankunft im „SS-Kommando Lippstadt 1“ an der Graf-Adolf-Straße ausführen mussten.  

Von Läusen heimgesucht

 

Der 31. Juli 1944 ist ein Montag. Die von Auschwitz nach Westfalen überstellten 530 Frauen sollen sich ihre Schlafplätze herrichten. In den dreistöckigen Pritschengestellen befinden sich keine Matratzen. „Hier sind Säcke. Stopft euch was von dem Stroh rein, das draußen liegt.“ Der mickrige Haufen vor den Baracken reicht vorne und hinten nicht, die Frauen müssen sich bescheiden. Das bisschen Stroh hat es aber in sich. In der Nacht werden alle von Läusen heimgesucht. Ein junges Mädchen trifft es besonders schlimm. Am nächsten Morgen sind ihre Ohren von den vielen Stichen derart angeschwollen, dass sie herunterhängen.  

In den ans Lager grenzenden Lippstädter Eisen- und Metallwerken (LEM) schuften die Jüdinnen in 12-Stunden-Schichten. Die 22-jährige Judith aus Ungarn hat es leichter als viele ihrer Gefährtinnen. Eine Ironie des Schicksals kommt ihr in der Fabrik zugute: Sie kann Uhren reparieren.  

Vier Jahre zuvor hat sie in ihr Abitur in der Heimatstadt Györ mit Auszeichnung bestanden. Die Eltern, Irene und Zsigmond Weinberger, ermöglichen es der begabten Tochter, in Budapest zu studieren. Doch nach zwei Jahren holt sie der Vater zurück nach Hause. Jüdische Studenten sind an der Universität der Hauptstadt nicht mehr sicher. Gewalttätige Übergriffe häufen sich, selbst zierliche junge Frauen werden von Kommilitonen zusammengeschlagen. Die Nazis werden erst 1944 in Ungarn einmarschieren, doch das Gift des Antisemitismus hat sich seit den Dreißigerjahren auch hier immer stärker ausgebreitet. Mit verheerenden Folgen. Spätestens 1940 wagt niemand mehr dazwischenzugehen, wenn einem Juden auf der Straße ins Gesicht gespuckt wird.  

Nach ihrer Rückkehr aus Budapest erlernt Judith das Uhrmacherhandwerk. In der vertrauten Umgebung ihrer Heimatstadt fühlt sie sich besser vor Übergriffen gefeit. Ihre drei Jahre jüngere Schwester Katalin hat es angesichts einer auffallend krummen Nase schwerer, entspricht sie doch dem Klischee antisemitischer Karikaturen. Bei jedem Aufenthalt in der Öffentlichkeit droht dem sanftäugigen Mädchen ein Spießrutenlauf. Da hört die Familie von einer Operation zur Nasenbegradigung, die neuerdings in Ungarn angeboten wird. Der Vater fährt mit Kati nach Budapest. Der Eingriff ist extrem teuer und bringt am Ende nicht das gewünschte Ergebnis, die Nase bleibt gebogen.

 

Viehwaggon nach Auschwitz 

 

Bald nach dem Einmarsch der Deutschen im März 1944 werden die jüdischen Bewohner von Györ nach Auschwitz deportiert. Die Weinbergers steigen in einen übelriechenden Viehwaggon. Unter den 70 Zusammengepferchten befinden sich viele Alte und Kranke. Als Toilette müssen sich alle einen einzigen Eimer teilen. Nach kurzer Zeit ist er das erste Mal voll. Judiths Vater stellt sich mit einem Freund der Herausforderung, den Behälter zu leeren. Es gibt nur zwei kleine Fenster, die mit einem Stacheldraht versehen sind, so dass man den Eimer nicht herausschieben und ausschütten kann, ohne dass sich am Ende ein Großteil in den Waggon ergießt. Ebenso misslich enden Versuche, die Ausscheidungen durch den schmalen Spalt unter der Wagentür nach draußen zu befördern. Es gibt viel zu wenig Wasser. Im Laufe der mehrtägigen Fahrt werden viele sterben. Die Toten werden auf einer Seite des Waggons aufgetürmt, so dass die Lebenden mehr Platz bekommen. Manche fangen vor Verzweiflung an zu schreien. Sitznachbarn halten ihnen den Mund zu – sie befürchten, dass SS-Bewacher etwas hören und ein Massaker anrichten.  

Nach über drei Tagen Fahrt erreicht der Zug die Rampe von Auschwitz-Birkenau. Als der Viehwagen geöffnet wird, fallen viele Leichen heraus. Die Lebenden werden zur Eile gedrängt und sind gezwungen, auf die Toten herabzuspringen. Als sich der Ankunftstumult etwas gelegt hat, ist die Großmutter verschwunden – aller Wahrscheinlichkeit ist sie noch am gleichen Tag in der Gaskammer ermordet worden. Weil Männer und Frauen auf der Rampe voneinander getrennt werden, sehen Irene, Judith und Katalin nun auch ihren Ehemann und Vater zum letzten Mal. Nach Kriegsende werden sie erfahren, dass der frühere Sägewerksbesitzer in einem Sklavenarbeitslager zu Tode gekommen ist.  

Auf dem Bahnsteig verkündet ein SS-Mann, dass jeder selbst entscheiden kann, ob er den Bus zu den Unterkünften nimmt oder lieber zu Fuß geht. Auf solche Fallen hat der Vater seine Familie vorbereitet: „Merkt euch eins: Wenn die Deutschen euch die Wahl lassen zwischen einem einfachen und einem schwierigen Weg, dann entscheidet euch immer für die schwierige Variante.“ Alle, die den Bus nehmen, werden direkt in die Gaskammern gebracht.  

„Na los, zieht euch aus!"

 

Bevor es in die Baracken geht, müssen die Frauen die Enthaarungsprozedur über sich ergehen lassen. „Na los, zieht euch aus! Macht schnell! Alle ausziehen!“, brüllen die Bewacher. Wer zögert, muss befürchten, dass einer von den scharfen Wachhunden auf sie losgelassen wird. Hinterher hat Judith große Schwierigkeiten, in dem Pulk nackter, kurzgeschorener Frauen ihre Mutter wiederzuerkennen. In den folgenden Wochen überstehen die drei Weinberger-Frauen mehrere Selektionen. Gut, dass die Töchter gesund ausschauen und der Mutter ihre 41 Jahre nicht anzusehen sind. Nach ein paar Monaten gehören die drei zu den ersten 530 Jüdinnen, die von Mengele persönlich ausgewählt werden, um die Kriegsmaschinerie im westfälischen Lippstadt am Laufen zu halten.  

In den Lippstädter LEM-Werken mangelt es an Fachleuten, um die Maschinen in Stand zu halten. Die Einrichter sind alle an der Front. Judith überrascht die Anweiserinnen, hat sie doch Ahnung von Drehbänken. „Wieso kennst du dich damit aus?“ -„Weil ich eine Uhrmacherin bin.“ Daraufhin bekommt sie eine eigene Kabine zugewiesen und nimmt säckeweise Uhren auseinander. Es fehlt an Ersatzteilen, aber die meisten Zeitmesser sind vom gleichen Typ. „Ich konnte das noch intakte Teil von einer Uhr nehmen, es in eine andere Uhr stecken – und es funktionierte.“  

Von einigen Lippstädtern ist Judith positiv überrascht. In der Fabrik arbeiten ein paar sehr alte Männer, die Mitgefühl mit den unterernährten Jüdinnen zeigen. Einmal kommt einer von ihnen in der Essenspause zu Judith und gießt die Hälfte seiner Suppenration in ihre Schüssel. „Ich fühlte mich wie im Himmel, denn ich hatte extremen Hunger.“  

Auf die Idee, einen Fluchtversuch zu wagen, kommt keine der Sklavinnen im Sträflingskittel. „Wo hätten wir auch hinlaufen sollen? Wir hatten keine Kleider, wir hatten keine Schuhe, und wir hatten ein großes Hakenkreuz auf dem Rücken. Wir konnten nirgendwo hingehen. Wir konnten es nicht.“  

Marsch nach Bergen-Belsen

 

Nach acht Monaten wird das Lager geräumt, die Alliierten rücken näher. Gründonnerstag ist Abmarsch. Die über 700 verbliebenen Jüdinnen sollen nach Bergen-Belsen geführt werden. Es geht jedoch kaum voran. Ostersonntag werden die Frauen bei Kaunitz von einer amerikanischen Einheit befreit. Bald darauf bekommt Judith einen Job als Dolmetscherin bei der britischen Militärkommandantur in Warburg. Hier lernt sie Harold Rosenberg kennen und lieben. Der Offizier kommt aus Glasgow, und er ist Jude. Schon im September 1945 macht er ihr einen Heiratsantrag. Die Mutter ist zunächst skeptisch – Liebesschwüre von Soldaten. Am Ende stimmt sie der Verbindung zu. Sie spürt, dieser Mann liebt ihre Tochter wirklich.  

Das reicht aber noch nicht. Eheschließungen von Soldaten im besetzten Gebiet werden von der Armeeführung nur in Ausnahmefällen genehmigt. Die Angelegenheit zieht sich hin. Harold muss keinen geringeren als Generalfeldmarschall Bernard Montgomery um Erlaubnis bitten. Der berühmte Befehlshaber hat zwei Fragen. Erstens: „Rosenberg, sind Sie Jude?“ Zweitens: „Ist die junge Dame, die Sie heiraten wollen, Jüdin?“ Harold antwortet zweimal mit Ja. „In diesem Fall wird die Erlaubnis erteilt“, sagt Montgomery.  

Im April 1946 heiratet das ungarisch-schottische Paar in Warburg. Auf der Feier sind auch Deutsche willkommen. Judith hegt keinen Groll gegen das Volk der Täter. Nicht wenige Einheimische, die sie nach der Befreiung kennengelernt hat, sind ihr sympathisch. Bald darauf begleitet sie Harold nach Glasgow, wo die beiden fast 60 Jahre glücklich zusammenleben, bis er 2005 in ihren Armen stirbt.

 

„So eine schöne Stadt"  

 

Auf der Homepage des Dokumentations- und Aufklärungsprojekts „Gathering The Voices“ (gatheringthevoices.com) finden sich Interviews mit schottischen Holocaust-Überlebenden. Von den 41 zu Wort kommenden Zeitzeugen lebt jetzt, 75 Jahre nach Kriegsende, nur noch Judith Rosenberg. Angesichts des anhaltenden Rechtsrucks in Europa und der Zunahme antisemitischer Vorfälle ist die 98-Jährige in den vergangenen Monaten wiederholt nach ihrer Einschätzung gefragt worden. Trotz der vielen Parallelen, die manche zwischen modernen Rechtsextremen und den Nazis ziehen, bleibt sie hoffnungsvoll: „Als ich ein Kind war, lehrte mich mein Vater, dass alle Menschen gleich sind, dass es keine Rolle spielt, wer oder welche Rasse sie sind. Sie sind einfach nur Menschen. Ich denke, wir sollten uns alle daran erinnern. Wenn wir das tun, dann bin ich nicht pessimistisch.“  

Und wie denkt die Überlebende heute über jenen deutschen Ort, wo sie die acht letzten Kriegsmonate im Lager verbrachte und Uhren reparierte? Über Lippstadt äußert sich Judith Rosenberg überaus positiv. „So eine schöne Stadt! Glücklicherweise ist sie nicht zerbombt worden.“