Ende einer Kultkneipe: Centro Espanol

Das Centro Espanol wird auch für seine Küche gerühmt. ?Wo sollen wir nun essen gehen??, fragen manche Freunde spanischer Spezialitäten angesichts der bevorstehenden Schließung der Kneipe. Darauf weiß auch Noch-Gastwirt Jesús Jurado (r.) keine Antwort. Immerhin wird er vielleicht in absehbarer Zeit Kochkurse anbieten und seine Rezepte weitergeben. Foto: Motog

Der lauteste Moment in der über 40-jährigen Geschichte der Kneipe: 2008 nach Spaniens EM-Sieg. Archivfoto: Salmen

Das Centro Espanol wird auch für seine Küche gerühmt. ?Wo sollen wir nun essen gehen??, fragen manche Freunde spanischer Spezialitäten angesichts der bevorstehenden Schließung der Kneipe. Darauf weiß auch Noch-Gastwirt Jesús Jurado (r.) keine Antwort. Immerhin wird er vielleicht in absehbarer Zeit Kochkurse anbieten und seine Rezepte weitergeben. Foto: Motog

Der lauteste Moment in der über 40-jährigen Geschichte der Kneipe: 2008 nach Spaniens EM-Sieg. Archivfoto: Salmen

Von Christoph Motog

 

Pommes? Sowas gibt es im Centro Español Flamenco nicht, „hier gibt es nur Patatas Fritas“, sagt Wirt und Küchenchef Jesús Jurado. Wer in seinem Lokal speist, schmeckt den Unterschied. Tiefkühlfritten sind tabu. Der Chef verwendet ausschließlich frische Kartoffeln vom Markt, schält, schneidet – und macht bis zum Auftischen alles selbst. Noch beliebter als Patatas Fritas sind seine Patatas Bravas: würzige und knusprig frittierte Kartoffelstücke. „So lecker“, schwärmen die Leute immer. Dabei sei das so ein einfaches Gericht, meint Jesús.

 

Allzu oft werden Señor Jurado und seine Frau Victoria ihre Patatas leider nicht mehr auftischen. Auch die stets in großzügigen Portionen servierten Calamares, Boquerones, Gambas, Paellas oder Salate gibt es in der Barbarossastraße 56 bald nicht mehr. Das Betreiberpaar hat den Mietvertrag gekündigt. Es hakt an allen Ecken und Wänden. Jüngst betrat Jesús montags nichtsahnend seine Gaststätte – und bis in die hinterste Ecke stand alles voll Wasser.

 

Eine Deckenplatte war runtergeknallt, das Malheur nahm seinen Lauf. Das Dach sei aber nicht erst seit Orkan Sabine undicht, „es hätte schon längst neu gemacht werden müssen“. Irgendwas gehe immer kaputt: Mal sind die Toiletten verstopft, mal fliegen beim Kochen alle Sicherungen raus. Die Küche entspricht nicht mehr den behördlichen Normen, der kaputte PVC-Boden muss durch Fliesen ersetzt werden, fordert das Gesundheitsamt. „Wir hätten gerne noch zwei, drei Jahre weitergemacht“, sagt Jesús, doch wenn es jeden Tag neuen Ärger gibt, verlierst du irgendwann die Lust. So wird das Centro Español (alias Palette) am Sonntag, 29. März zum letzten Mal öffnen.

 

Die Anfänge des „Spanischen Zentrums“ reichen über 40 Jahre zurück. Rund 2500 Spanier lebten Mitte der 1970er-Jahre in Lippstadt. In jener Zeit bildeten sie die größte Gruppe unter den hier gemeldeten Ausländern, noch vor den Italienern. Die damals von den Deutschen noch als „Gastarbeiter“ bezeichneten Iberer trafen sich nach Feierabend in von Landsleuten geführten Kneipen, darunter Tio Pepe, Don Quijote und Las Vegas.

 

Flamenco statt Cervantes

 

1974 öffnete das „Centro Español Miguel de Cervantes“ als Vereinslokal spanischer Bürger in der Bastionstraße. Jesús und Victoria Jurado übernahmen 2005, strichen den ehrwürdigen Don-Quijote-Schöpfer Cervantes aus dem Namen und ersetzten ihn durch den nicht weniger berühmten Flamenco ihrer andalusischen Heimat. Die beiden wuchsen in Bornos auf, das zu den sehenswürdigen „Pueblos Blancos“ (weißen Dörfern) gehört. Das Kochen lernten sie noch in der Heimat von ihren Eltern. Jesús ging 1973 als 19-Jähriger nach Deutschland. Er folgte damit seiner Frau, die schon zwei Jahre vorher hergekommen war.

 

2013 zog das Centro Español Flamenco von der Bastionstraße in die ums Eck gelegene Palette an der Barbarossastraße um. Im Laufe der Jahre kamen immer mehr Deutsche, heute bilden sie die überwältigende Mehrheit. Der früher nicht kleine Verein Centro Español zählt nur noch zehn Mitglieder. Kein Wunder, waren doch zuletzt nur noch 382 Spanier in Lippstadt gemeldet. „Und sie gehen kaum in Kneipen“, fügt Jesús hinzu.

 

„Wo sollen wir jetzt hingehen?“ Das werden Jesús und Victoria angesichts des bevorstehenden Abschieds oft gefragt. Ob Kegler, Essensgäste, Thekensteher oder die Fußballer vom SV Peña Madridista Lippstadt, die hier ihr Vereinsheim haben: Alle sind bekümmert, verschwindet doch mit dem Centro Español das letzte spanische Lokal in der ganzen Stadt, das wirklich von Spaniern geführt wird.

 

Jesús und Victoria werden in Lippstadt bleiben, schließlich lebt hier auch ihr jüngster Sohn Marco. Das Paar freut sich aber auf ausgedehnte Urlaube bei den älteren Söhnen in Spanien. Bleibt die Frage: Wo kann man künftig so gut und preisgünstig spanisch essen wie im Centro Español Flamenco? Darauf weiß auch Jesús keine Antwort. Vielleicht geht aber irgendwann ein Plan B auf, spielt Jesús doch mit dem Gedanken, Kochkurse zu geben. Infolgedessen könnte künftig der eine oder andere imstande sein, leckere Patatas Bravas nach Jurados Art bei sich zu Hause herzuzaubern.