Geschichte wiederholt sich: die Museumsrettung 

Nicht erst 2019 gab es ein Gezerre um das alte Patrizierhaus. 1958 plädierten viele Lippstädter Lokalpolitiker gar für den Abriss.

Der Lippstädter Bauausschuss stimmte Ende 1956 für die schellstmögliche Lösung: den Abriss.

Den heute nicht mehr gebräuchlichen Beinamen "Stadt der schönen Stuckdecken" verdankte Lippstadt vor allem dem Patrizierhaus an der Marktstraße.

Der Stuck im Museumsgebäude wurde seinerzeit von den staatlichen Denkmalschützern mit den Deckenarbeiten im Schloss Brühl verglichen.

Letzte Reinigungsarbeiten vorm Neustart: Nach rund siebenjähriger Zwangspause wurde das Museum kurz vor der Herbstwoche 1963 wiedereröffnet.

Nicht erst 2019 gab es ein Gezerre um das alte Patrizierhaus. 1958 plädierten viele Lippstädter Lokalpolitiker gar für den Abriss.

Der Lippstädter Bauausschuss stimmte Ende 1956 für die schellstmögliche Lösung: den Abriss.

Den heute nicht mehr gebräuchlichen Beinamen "Stadt der schönen Stuckdecken" verdankte Lippstadt vor allem dem Patrizierhaus an der Marktstraße.

Der Stuck im Museumsgebäude wurde seinerzeit von den staatlichen Denkmalschützern mit den Deckenarbeiten im Schloss Brühl verglichen.

Letzte Reinigungsarbeiten vorm Neustart: Nach rund siebenjähriger Zwangspause wurde das Museum kurz vor der Herbstwoche 1963 wiedereröffnet.

Von Christoph Motog

Lippstadt - Das Baudenkmal am Lippstädter Markt bleibt in städtischer Hand und Museumsstandort. Das entschied der Stadtrat kurz vor Weihnachten 2019. Ein ähnliches politische Gezerre um das im 17. Jahrhundert errichtete Patrizierhaus hat es bereits in den 1950er Jahren gegeben. Damals stand das Gebäude vor dem Abriss, weil eine Mehrheit der Volksvertreter kein Geld für eine Renovierung geben wollte. Dass es am Ende anders kam, war engagierten Bürgern zu verdanken, die sich für den Erhalt ins Zeug legten. Die wendungsreiche Geschichte jener Rettung erinnert frappierend an Diskussionsbeiträge aus den vergangenen Monaten. Der Blicker fasst die dramatischen Ereignisse aus den späten 1950er Jahren im Folgenden chronologisch zusammen:

 

SEPTEMBER 1956 

Aus „baupolizeilichen Gründen“ müsse das Kreisheimatmuseum an der Rathausstraße 13 unverzüglich geschlossen werden: Zu diesem Schluss kommt ein vom Kreistag beauftragtes Sachverständigen-Trio. Der Hausbock habe massive Schäden angerichtet, von den Schwellen im Erdgeschoss bis zum Dachgestühl. Der Fachwerkgiebel sei total zerstört. Um die Front zur Straße zu sichern, wird unverzüglich das Aufstellen eines Baugerüsts veranlasst. Chefgutachter Wille aus Detmold bezifferte die Schäden auf 50 000 bis 100 000 Mark. Er setzt noch einen drauf: „Selbst wenn man 100 000 DM investieren würde, kann man nur für eine weitere Lebensdauer von 10 bis 30 Jahren garantieren.“ 

Der gestrenge Lippstädter Bauausschuss will die schnellstmögliche Lösung. Die Spitzhacke soll es richten. Für den Beschluss werden vor allem Sicherheitsgründe angeführt. Nicht wenigen Kommunalpolitikern, aber auch einer entfesselten Stadtentwicklung das Wort redenden Bürgern käme der Abriss nicht ungelegen. Für die langfristig anvisierte (Ende der 1960er Jahre tatsächlich realisierte) Verlegung des Wochenmarktes vom Rathausplatz nach Westen jenseits der Marienkirche wird noch Platz benötigt. Die Stadt hat zu diesem Zeitpunkt bereits eine Reihe benachbarter Gebäude erworben, um sie eines Tages abzureißen. 

Diskutiert wird auch, an der Stelle des alten Hauses Garagen zu errichten. „Man könnte weinen, wenn man so etwas hört“, kommentiert Museumskurator Carl Laumanns. Statt es abzureißen müsse man das wertvolle Baudenkmal wiederherstellen. Städte wie Wiedenbrück, Soest und Geseke würden große Summen opfern, um unter Denkmalschutz stehende Gebäude zu erhalten. In Lippstadt sei leider schon in älterer Zeit der Spitzhacke ein zu großes Recht eingeräumt worden, etwa im Falle des barocken Kommandantenhauses, das einst an die Brüderkirche grenzte, „bevor man es unverständlicherweise abbrach“ und an seiner Stelle eine Turnhalle errichtete.

Laumanns und seine Mitstreiter richten eine Protestnote an den Kreistag, um den Abbruch zu verhindern. Nach einer ersten Debatte wenden sich die Abgeordneten an den Landeskonservator: mit der Bitte, unverzüglich Schritte zum Erhalt einzuleiten, handele es sich bei dem alten Patrizierhaus doch nicht nur um eine anerkannte Sehenswürdigkeit der Stadt Lippstadt, „sondern um einen unschätzbaren Wert für den gesamten westfälischen Kulturraum“.

 

JANUAR 1957 

Der Landeskonservator und der Vorsitzende westfälischer Museen sind seit Oktober wiederholt nach Lippstadt gekommen, um die Möglichkeiten zur Rettung auszuloten. Die Situation wird jedoch immer vertrackter. Die Summe für eine Renovierung wird auf einmal weitaus höher veranschlagt als noch im Herbst, nun ist plötzlich von 250 000 bis 300 000 Mark die Rede. Die Denkmalschützer halten die Zahlen für viel zu hoch angesetzt. Der Landeskonservator gibt zu bedenken, dass die Baufälligkeit eines Fachwerkhauses mit anderen Maßen als beim modernen Stein- und Betonbau gemessen werden müsse.

 

FEBRUAR 1957

Im Winter hat sich die Lage weiter zugespitzt. Zwar war im September mit dem Aufbau einer neuen Front zur Rathausstraße begonnen worden, doch schon nach wenigen Wochen wurden die Arbeiten abgebrochen. Fortan weht der Wind durch die aufgerissene Fassade in die Räume. Ob das alte Haus einen stärkeren Sturm überstehen wird? Carl Laumanns setzt am 16. Februar ein Zeichen und gibt sein Mandat als Kurator auf: „Unter den gegenwärtigen Umständen ist es mir nicht möglich, noch länger die Verantwortung für das Heimatmuseum zu übernehmen.“ Gleichwohl kämpfen der Zurückgetretene und sein Nachfolger Dr. Frey weiterhin dafür, dass Kreis und Stadt ihren Teil zu den Restaurierungskosten beitragen, zumal auch der Landeskonservator Geld in Aussicht gestellt hat.

Lippstadts Bürgermeister Jakob Koenen macht im Kreistag einen alternativen Vorschlag: Das alte Metzgeramtshaus könne doch als Museumshaus bereitgestellt werden. „Die Kosten wären dabei weit geringer als etwa die der Restaurierung des alten Museumshauses.“ Koenens Anregung verläuft im Lippesande.

 

MAI 1957 

Namhaften Beistand für den Erhalt gibt es vom Direktor des renommierten Landesmuseums für Kunst und Kulturgeschichte in Münster, Hans Eichler: „Das Lippstädter Gebäude ist nach dem Hexenbürgermeisterhaus in Lemgo das künstlerisch wertvollste Bürgerhaus in Westfalen überhaupt.“ Der Erhalt sei somit für das zuständige Gemeinwesen eine kulturelle Verpflichtung. Es sind vor allem die Stuckdecken, die Eichler zu seiner Einschätzung kommen lassen.

Bei einem Treffen der westfälischen Museumsleiter in Schwelm herrscht Konsens darüber, dass „bereits die Proportionen der einzelnen Räume gerade dieses Haus als kleines Museum besonders geeignet erscheinen lassen. Man kann einzelne Teile sehr leicht gegeneinander abschließen und gelangt doch mühelos von einem zum andern. Es darf hier als eine für jeden Kenner feststehende Tatsache betrachtet werden, dass im Raum der Stadt Lippstadt kein anderes Haus in gleich guter Weise geeignet ist, ein Museum in sich zu bergen, wie dieses alte Patrizierhaus.“

 

JUNI 1957 

Hoffnung macht sich breit. In den fortlaufenden Gesprächen verstärkt sich der Eindruck, dass ein Erhalt möglich und finanzierbar ist. Weitere Untersuchungen am Gebäude ergeben, dass die Statik nicht so marode ist wie zunächst behauptet. Ein Lippstädter Zimmermann legt mehrere Balkenlagen frei und kommt zu dem Schluss, dass die 30 Zentimeter dicken Eichenbalken größtenteils kerngesund sind. Lediglich in einzelne Stücke, vor allem im Erdgeschoss, sei Feuchtigkeit eingedrungen.

 

JANUAR 1958 

Durchs Museum pfeift nun schon im zweiten Winter der eisige Wind. „Entweder abbrechen oder endlich weiterbauen“, ist eine in der Bürgerschaft verbreitete Meinung. Bürgermeister Koenen kritisiert den Landeskonservator, der offenbar so billig wie möglich dabei wegkommen wolle, zumal die von ihm angebotene „ratenweise Mitfinanzierung“ die Kosten für Stadt und Kreis in die Höhe treibe. Eine billige Lösung (mit Gesamtkosten von 120 000 Mark) kommt fürs Stadtoberhaupt ohnehin nicht in Frage, weil die Nutzung als Museumsgebäude hohe Sicherheitsmaßnahmen erfordere: „Die Tragfähigkeit der Decken, die Stabilität des Hauses überhaupt müssen so sein, dass sie den Besuch von Schulklassen aushalten.“ Der Stadt müsse daher eine Lösung anstreben, die von Dauer ist. Angesichts des geplanten neuen Marktplatzes benötige das Gebäude zudem repräsentative Fronten. Inklusive der Kosten für den Immobilienkauf – (das Gebäude ist bis 1958 noch im Besitz der Familie Nies) – müsse man mit Gesamtkosten von 300 000 Euro rechnen.

 

FEBRUAR 1958 

Wie wird der Kreistag beschließen – Erhalt oder Spitzhacke? Museumskurator Frey eröffnet die Debatte und warnt vor einem Abbruch des kunsthistorisch wertvollen Bürgerhauses. Dieser „würde sich einem gewissen Vandalismus vergangener Zeiten an die Seiten stellen“. Die Angelegenheit dürfe nicht allein aus wirtschaftlichen Überlegungen betrachtet werden. Frey fügt hinzu, dass sich das Geld schon eines Tages rentieren werde, zumal es sich hier um eine auf Dauer gültige Investition in die Kultur und um ein Wertobjekt handele. 

Sein Appell trifft nicht bei allen einen Nerv. Der Abbruch sei schon wegen der Marktplatzerweiterung erforderlich, halten Abgeordnete verschiedener Parteien dagegen. In der über dreistündigen Debatte geht es hin und her. Dr. Mühlen als Vertreter des Landeskonservators weist darauf hin, der Wert des Baues werde „erst im endfertigen Zustand für jeden erkennbar“ sein. Der Denkmalschützer lässt keinen Zweifel daran, „dass die Stuckdecken denen im international berühmten Schloss Brühl in nichts nachstehen“. Ein Abbruch werde „die baukunstgeschichtlich so hervorragende Marienkirche inmitten der Stadt isolieren“. Der Kreistag möge die Chance nutzen, das bedeutungsvolle Gebäude späteren Generationen zu erhalten. Mühlens Worte fruchten, am Ende fällt mit 22:14 Stimmen der Beschluss, das historische Haus für 36.000 Mark von der Erbengemeinschaft Nies zu erwerben und die Sanierung anzugehen. Mit Ja gestimmt hat in namentlicher Abstimmung die gesamte CDU-Fraktion, die sich damit im Wortsinn konservativ verhält. Hinzu kommen einzelne aus den anderen Parteien, darunter Jakob Koenen als einziger SPD-Mann. 

Der Kreistagsbeschluss kann aber nur unter der Voraussetzung in Kraft treten, dass auch Lippstadt einen Anteil zu den Sanierungskosten beiträgt. Am 27. Februar wird im Stadtrat erbittert diskutiert. Die Lippstädter CDU ist auffallend gespalten. Ratsherr Wiemeyer will das Gebäude fallen sehen, das Haus rage über die vorgeschriebene Baufluchtlinie hinaus; die Marktplatzerweiterung dürfe nicht gefährdet werden. Seine Fraktionskollegin Dr. Barbara Christ widerspricht: Man solle doch nicht immer mit dem Lineal an derart wichtige Baufragen herangehen. Dr. Hanicki, ebenfalls CDU, zweifelt die Wichtigkeit der Renovierung an, viel dringender sei es doch, die zum Teil unwürdigen Wohnverhältnisse in Lippstadt zu verbessern. Sein Parteifreund Schürmann reagiert mit Kopfschütteln: „Der Mensch lebt nicht vom Brot allein.“ Den Erhalt eines so hohen Wertes sei man der Bevölkerung schuldig. Es geht schon auf Mitternacht zu, als endlich abgestimmt wird. Mit 15:9 Stimmen fällt die Entscheidung, keine Mittel für das Gebäude bereitzustellen. Weil somit 40.000 Mark fürs vom Kreis beschlossene Gesamtpaket fehlen, ist eine Sanierung vom Tisch. 

 

MÄRZ 1958 

Der Heimatbund protestiert in einer Entschließung „ganz entschieden“ gegen den Ratsbeschluss. Aber was nützt das schon. Es muss eine neue Rettungsstrategie her. Am 15. März geht Museumskurator Frey an die Öffentlichkeit. „Wenn die politische Vertretung vor einer so wichtigen Kulturaufgabe zurückschreckt, dann muss zur Selbsthilfe gegriffen werden.“ Am Tag danach geht der „Verein der Förderer des Kreisheimatmuseums“ an den Start. Über zweihundert Bürger schließen sich der Initiative schon bei ihrer Gründung an, in den folgenden Wochen gehen viele Spenden ein. Die Blockierer im Stadtrat bekommen ihr Fett weg: „Ob alle Neinsager … ausreichendes … kunsthistorisches Wissen besitzen, um den Wert des Objektes … zu würdigen?“

 

MAI 1958 

Der neue Verein signalisiert, dass er für den zahlungsunwilligen Lippstädter Stadtrat in die Bresche springen und erhebliche Finanzhilfen leisten kann. Der Kreistag setzt das Thema daraufhin erneut auf die Tagesordnung und erwirbt das Museumsgebäude endgültig. Die Kuh ist vom Eis. 

 

NOVEMBER 1958 

Endlich wird mit der Restaurierung begonnen, los geht es mit dem Instandsetzen der maroden Frontseite. Bei einem Treffen der westfälischen Museumsleiter in Detmold wird die Nachricht mit anhaltendem Beifall gefeiert.

 

OKTOBER 1963 

Die Renovierung war zeitaufwändig, vor allem die Behandlung der um 1760 geschaffenen Stuckdecken erfordert viel Sorgfalt. Am Ende ist alles gut. Nach rund siebenjähriger Zwangspause wird das Museum kurz vor der Herbstwoche 1963 wiedereröffnet. Fortan macht Lippstadt wieder dem seinerzeit gängigen Beinamen „Stadt der schönen Stuckdecken“ alle Ehre.