„Da geht immer was“: 35 Jahre Güter

Zwei Güter-Generationen vereint: Theo, Dimi und Grisula.

Das stadtbildprägende Gebäude findet sich am Schnittpunkt von Cappel-, Hospital- und Bahnhofstraße.

Auf der Güter-Illustration von Panagiotis Demis finden sich unter anderem Theo Nastopoulos (oben l.), sein Bruder Gogo (oben r.) und die gemeinsame Schwester Grisula (unten l.).

Hat Bestandsschutz verdient: die klasse Kasse.

Seine Kneipe konnte noch so voll sein: Auf kleine Auszeiten hat Dimi Nastopoulos nie verzichtet.

Zwei Güter-Generationen vereint: Theo, Dimi und Grisula.

Das stadtbildprägende Gebäude findet sich am Schnittpunkt von Cappel-, Hospital- und Bahnhofstraße.

Auf der Güter-Illustration von Panagiotis Demis finden sich unter anderem Theo Nastopoulos (oben l.), sein Bruder Gogo (oben r.) und die gemeinsame Schwester Grisula (unten l.).

Hat Bestandsschutz verdient: die klasse Kasse.

Seine Kneipe konnte noch so voll sein: Auf kleine Auszeiten hat Dimi Nastopoulos nie verzichtet.

Von Christoph Motog

Lippstadt - Die Lippstädter Musikkneipe Zum Güterbahnhof wird schon seit Anfang 1985 von Familie Nastopoulos geführt – mittlerweile in zweiter Generation. Gefeiert wird das 35-Jährige am Freitag und Samstag, 7. und 8. Februar mit einem Konzertprogramm. Über die Kneipe an der Hospitalstraße kursieren in Lippstadt nicht wenige Anekdoten. Einige davon stellt der Blicker im Folgenden vor. Den Anfang machen die frühesten Güter-Erinnerungen des Wirts Theo.

Es kribbelte ihm. Der kleine Junge konnte nicht mehr schlafen – und nicht anders. So schlüpfte der Neugierige mitten in der Nacht aus dem Bettchen, schlich sich durchs Treppenhaus nach unten und erreichte sein Ziel, die Tür zum Gastraum. Der siebenjährige Theo lugte durch den Spalt und staunte kistenweise Bauklötze. Er sah eine rappelvolle Kneipe, überall Nieten- und Lederjacken, Irokesenfrisuren, glänzende Haartollen und buntes Haar, darunter knallrotes, grünes, lila und blau gefärbtes. „Diese Fülle an Typen, da waren Punks, Psychobillys, Popper, aber auch ganz normal aussehende Leute und Rentner“, staunt Theo noch heute, dreieinhalb Jahrzehnte später, über das ganz große Theater, das sich seinen Kinderaugen bot. Der Schallpegel war überwältigend. Die Leisesten redeten laut. Die anderen brüllten, johlten, grölten oder schmetterten all die Songs mit, die aus den kleinen, aber verdammt leistungsstarken Boxen ertönten.

Nur wenige Tage zuvor war Familie Nastopoulos in die Hospitalstraße 54 eingezogen. Theos Vater Dimitrios, genannt Dimi, hatte den Gasthof zum Güterbahnhof von seinem Freund Charalampos Kosmidis übernommen. Für den gelernten Ziegenhirt war es ein Sprung ins bommerlunderkalte Wasser. Metaxa-Cola und Bier, mehr Drinks kannte der Enddreißiger bei seinem Einstieg in die Gastronomie nicht. Was aber ist ein Alt-Schuss? Und was für ein Fruchtschnitz gehört zu einem Tequila? Da mussten die Gäste helfen, sie brachten dem neuen Wirt und seiner Frau Maria das komplette Mixgetränke-ABC bei.

Nachmittags fühlte sich Dimi ein bisschen wie in seinem Heimatland: Dann kamen eine Menge Griechen, die nach Feierabend bei ihrem Landsmann ausspannen wollten. Sie gesellten sich zu eingesessenen Nachbarn, die schon Jahrzehnte vorher bei den Vorgänger-Wirten Fritz Kornbusch und Wilhelm Kamppeter eingekehrt waren. Sonntags schlug die Stunde der Kartenspieler, das war schon vor Dimis Einzug so: Laut Gerüchten wurde an den Tischen um erhebliche Summen gezockt – angeblich wechselte alle zwei Wochen ein grüner Mercedes den Besitzer. In Wirklichkeit ging es meist nur um eine Tasse Kaffee. 

Im Laufe seiner langjährigen Theken-Hoheit hat Dimi zahllose Originale kommen und gehen sehen, darunter auch Prominente. Eines Abends tauchte plötzlich der selige Herman Brood auf. Der holländische Rock’n‘Roller war verdammt gut aufgelegt, fühlte sich geschmeichelt, standen im Regal doch ein paar seiner Schallplatten, die er alle signierte. 

 

Matze kam in den Neunzigern

Für Matze Knop gehört der Güter zu den Orten, die sein Leben geprägt haben, wie er in einem kürzlich veröffentlichten Video fürs Redaktionsnetzwerk Deutschland verlauten ließ. „Der Güter ist eine der ehrlichsten Kneipen, die wir in Lippstadt haben“, sagt der Comedian, der hier in den 90ern öfters gesehen wurde. „Wenn gar nichts mehr geht, im Güter geht immer was“, weiß Matze. 

Für den kleinen Theo gehörte die Kneipe zu seinem Spielrevier. In heißen Sommern lieferte er sich Wasserpistolen-Gefechte mit ausgelassenen Thekenstehern. Wie sein jüngerer Bruder Gogo und seine älteren Schwestern Grisula und Sofia wurde er im Familienbetrieb Güterbahnhof groß. Theo und Grisula übernahmen vor fünf Jahren von ihrem Vater, so dass die Familie hier schon in zweiter Generation Verantwortung trägt. 

So währt die Ära Nastopoulos bereits 35 Jahre. Dabei wäre mehrmals fast Schluss gewesen. Als Anfang der 90er das Nordsternkino zumachte, überlegte Dimi kurz, das Gebäude zu kaufen, um seine Kneipe dort, am anderen Ende der Innenstadt, neu zu eröffnen. Am Ende sah er davon ab, der Nordstern erschien ihm allzu renovierungsbedürftig. Haarig wurde es nach der Jahrtausendwende. Dem ansehnlichen, stadtbildprägenden Haus am Schnittpunkt von Cappel-, Bahnhof und Hospitalstraße drohte der Fall: An seiner Stelle sollte ein Einkaufzentrum entstehen. Familie Nastopoulos als Mieter des dafür im Wege stehenden Gebäudes wurde frühzeitig gekündigt. „Im Laufe der Zeit standen für uns fünf Auszugstermine im Raum, immer wieder war von einem unmittelbar bevorstehenden Abriss die Rede“, erinnert sich Theo. 

Für ihn, seine Geschwister und seine Eltern wurden es nervenaufreibende Jahre, es flossen viele Tränen, wollte man doch unbedingt im längst zur Heimat gewordenen Domizil wohnen bleiben. Zu Pfingsten 2010, Vater Dimi hatte erst kurz zuvor sein 25-jähriges Jubiläum als Wirt gefeiert, erreichte das Drama einen seiner Höhepunkte. Draußen feierten über 1.000 Leute ausgelassen beim vom Spaßverein aufgezogenen „Rock am Güter“-Festival. Drinnen hinter der Theke aber wusste man: Schon in wenigen Tagen müssen wir hier endgültig raus. „Wir saßen schon auf gepackten Koffern.“ Doch der Baustart des Luftschlosses „Neues Einkaufen Südliche Altstadt“ wurde immer wieder verschoben, bis Kaufland und Media-Markt nacheinander ausstiegen. Damit war das Projekt tot. Familie Nastopoulos ergriff die Chance, verhandelte mit dem Besitzer – und im Mai 2011 war endlich unter Dach und Fach, was schon vor Jahren angestrebt worden war: der Hauskauf. „Von einem Abriss wollen wir nie wieder was hören. Lokomotive Dimi wird weiterleben. Güter forever“, jubelten Grisula und Theo.

Fast neun Jahre später steht nun das 35-Jährige der Familie an. In der vergangenen Dekade hat Theo den Güter als Livemusik-Club etabliert. Gegenwärtig ist die Situation nicht einfach. „Wir sind ein bisschen traurig, dass wir nach dem Aus von Don und Werkstatt derzeit die Gallier im Süden der Altstadt sind.“ Wegen der fehlenden gastronomischen Nachbarschaft im einstigen Bermuda-Dreieck bleiben viele aus, die sonst vor oder nach dem Clubbesuch auf ein Stündchen in die Kneipe eingekehrt sind. „Wir hoffen, dass sich die Nachbarschaft zum Positiven verändert“, bleibt Theo guten Mutes. 

 

Stadthaus bald nebenan

Bald stehen große Veränderungen an. Hinter der Gaststätte wird das neue Stadthaus gebaut, deren Kantine nah am Grundstück der Nastopoulos grenzen wird. In der Kneipe muss sich das Thektenteam neu formieren, weil einige sich verabschieden, um anderswo zu studieren oder zu arbeiten. An potenziellen Nachfolgern mangelt es aber nicht. Meist sind es herangewachsene Kinder langjähriger Stammgäste, die sich als Thekenkräfte bewerben. 

Bis heute ist der Güter nicht nur eine Musik- und Szenekneipe. Er bleibt ein Kieztreff, wo Nachbarn auf ein Feierabendbier einkehren oder Silvester feiern. Immer wieder trauen sich auch Passanten herein, um hier die Toilette zu benutzen. Theo empfindet das als Vertrauensbeweis: „So schlecht kann der Eindruck also nicht sein, den wir machen.“ In diesem Sinne hat der Wirt auch stets das bauliche Ambiente seiner Kneipe im Auge. Er will alles Nötige auf Vordermann bringen, geht dabei aber nach dem Modus „Renovieren eines alten Oldtimers“ vor. Zu seinen Wünschen gehört, die seit Jahrzehnten unter Deckenplatten verborgene Stuckdecke des historischen Gastraums wieder freizulegen.

Nun steht aber erst einmal das „35 Jahre Güter“-Wochenende an (siehe nächste Seite). Wer schon bei einer der früheren Jubiläumsfeiern dabei war, weiß, welch ausgelassene Stunden den Anwesenden blühen. Die erste jener Sausen stieg am 4. Februar 1996, als hier mit jeder Menge Freibier „Dimi wird 11“ begangen wurde. Anno 2000 folgte das 15-Jährige, und weiter ging es im Fünf-Jahres-Takt. Im Mai 2018 kam mit dem 33-1/3-Jubiläum ein schnapszahliges Extra hinzu. 

Die erste große Güter-Party, an die sich Theo erinnert, stieg 1986: Vater Dimi feierte seinen 40. Geburtstag. Alle waren seit Stunden gut drauf, als Mutter Maria plötzlich leckere Snacks wie Zaziki und Frikadellen hervorzauberte. Es muss ein Jahrhunderthunger gewesen sein – aus allen Richtungen, auch aus zweiter und dritter Reihe, griffen Hände über Hände gleichzeitig und gierig in die Schüsseln auf der Theke. „Was für ein Gefresse“, staunt Theo noch heute.