Von Christoph Motog
Lippstadt - „Was knackt da so bei Ihnen?“, wurde Margarete Kiel mal von ihrer Friseurin gefragt. Was sich beim Haarewaschen bemerkbar macht, sind die Halswirbel – wie so oft nach dem Tod ihres Mannes vor 54 Jahren. Was an jenem 3. November 1971 geschah, fasste Der Patriot unter der Überschrift „Brutaler Raubüberfall auf Tankwart“ zusammen: „Gegen 21.40 Uhr verlassen die Eheleute Friedhelm (35) und Margarete (32) Kiel ihre Tankstelle. Sie schließen die Tür hinter sich ab und wollen gerade zu ihrem Wagen gehen, als plötzlich ein maskierter Mann an der Böschung vor ihnen auftaucht und ihnen zuruft: ,Halt! Raubüberfall!’ Gleichzeitig droht er mit einer Pistole. Der Tankwart läuft schnell zu seinem Wagen, während seine Frau wegzulaufen versucht. Dabei ruft sie ihrem Mann noch zu: ,Friedhelm, hau ab!’ – in der Hoffnung, dass dadurch der Täter von ihr abgelenkt wird, weil sie nämlich 16.000 DM Tageseinnahme und Privatgeld in einer Geldbörse bei sich hat, die sie in einer Umhängetasche trägt.
Schwer verletzt
Tatsächlich reagiert der Verbrecher auch entsprechend und verfolgt den Tankwart, lässt aber schnell wieder von ihm ab und verfolgt die fliehende Ehefrau. Auf dem Grünstreifen zwischen Tankstelle und Straße fasst er die Frau und reißt sie nieder. Während er sie niederdrückt, zerrt er an ihrer Umhängetasche, bis der Bügel abreißt. In diesem Augenblick kommt Friedhelm Kiel heran, um seiner Frau beizustehen. Über die nun folgenden dramatischen Sekunden kann die Ehefrau keine genaue Auskunft mehr geben. ,Während ich noch am Boden lag, fielen die Schüsse, und als ich mir den Sand aus Augen und Mund gewischt hatte, lag plötzlich mein Mann neben mir, blutend, schwer verletzt!' ..." (soweit der Patriot-Bericht).
Strauß um Strauß
Der Angeschossene erliegt seinen Verletzungen zwei Tage später. Zwei kleine Mädchen sind nun Halbwaisen. Eine große Trauergemeinde, darunter viele Pächter anderer Tankstellen, gibt Friedhelm Kiel am 9. November das letzte Geleit. Der Verstorbene war nicht nur ein liebevoller Familienvater. „Manche unserer Kunden nannten ihn ,unseren Peter’, weil er mit seinem Humor und seiner freundlichen Art so an Peter Alexander erinnerte“, sagt die Witwe. Wie beliebt der Tankstellenchef war, zeigte sich auch daran, dass nach seinem Tod ein ganzes Jahr lang jedes Wochenende ein Blumenstrauß von der Kundschaft ans Grab gestellt wurde.
Margarete Kiel erlitt bei der Attacke des Räubers so schwere Verletzungen an der Wirbelsäule, dass sie ein halbes Jahr im Rollstuhl sitzen musste. Bis heute kann sie kaum fassen, wie brutal sie vom Täter angegangen wurde: „Der hat mich immer wieder runtergeschlagen wie ein Irrsinniger. Weil ich nach Luft rang, hat er wahrscheinlich gedacht, ich wolle schreien.“
Die Zeit heilt nichts
Es sind nicht nur körperlichen Folgen, die Margarete Kiel bis heute spürt. „Man sagt, die Zeit heilt Wunden, aber das stimmt nicht. Mord kann man nicht vergessen.“ Sie hat Ängste, meidet größere Menschenmengen – und das Martinshorn eines Rettungswagens schlägt ihr auf den Magen. Gleichwohl ist sie ein starker Mensch, der sich trotz allem nicht hat brechen lassen und mit Humor durchs Leben geht.
Margarete Kiel verließ Lippstadt nach dem Mord und zog ihre Töchter alleine auf. „Die Kinder haben immer gefragt: ,Warum kommt der Papa nicht, warum kriege ich keinen Gute-Nacht-Kuss?’ Ich konnte nicht lügen, aber erst als die Ältere 13 wurde, habe ich den beiden sagen können: ,Der Papa kommt nicht mehr’. Und dann ging das Weinen los.“ Trotz allem hat es die Mutter hinbekommen, ihren Kindern eine glückliche Kindheit und Jugend zu bereiten. „Und ich bin stolz, es geschafft zu haben, dass aus beiden Mädchen etwas geworden ist.“
DNA gefunden
Mitte 2023 gab das Landeskriminalamt bekannt, dass der Mordfall Kiel zu den 400 Altfällen in NRW gehört, die von einem Team pensionierter Kommissare neu aufgerollt werden – in der Hoffnung, dass DNA-Spuren erhalten sind, die vielleicht doch noch zu den Tätern führen. Und tatsächlich: In dem gestohlenen knatschgelben Fiat 124 Coupé Sport, mit dem die Täter damals flüchteten, hatten die Ermittler 1971 mit Klebefolie Fasern gesichert. Auf dieser Folie konnte Anfang 2025 tatsächlich DNA gefunden und isoliert werden. Das Team um den Rentner-Cop Ulrich Kayser glich diese DNA mit zwei noch lebenden Personen ab, die 1971 im Fokus der Ermittlungen standen. Doch leider brachte der Vergleich ein negatives Ergebnis.
Ist es die allerletzte Chance gewesen, den Mord an Friedhelm Kiel noch aufzuklären? Eine kleine Chance sieht Ulrich Kayser noch in einem möglichen Mitwisser: „Wenn ein Insider sich melden würde ...“
Einheimischer Täter?
Margarete Kiel hat den verhängnisvollen Novemberabend im Laufe der Jahre immer wieder Revue passieren lassen, hat ihre eigenen Beobachtungen mit den Aussagen von Nachbarn und weiteren Zeugen abgeglichen. So ist sie zu dem Schluss gekommen, dass der Täter wohl nicht nur einen, sondern zwei oder gar drei Helfer hatte. Und sie glaubt, dass der Mörder ziemlich ortskundig gewesen sein muss. „Dass er sich dermaßen gut auskannte, deutet stark darauf hin, dass es einer von hier war.“ Möglicherweise also ein Lippstädter.
Incognito im Ausland?
Bei den Verhören nach dem Überfall fiel auch der Name eines Mannes, den die Polizei nicht aufspüren konnte. Man wusste nicht, wo er wohnt, er war nirgends gemeldet. Margarete Kiel vermutet, dass sich jener Mann ins Ausland abgesetzt hat – und möglicherweise bis heute irgendwo unter anderem Namen lebt.
Letzter Versuch
„Ich habe keinen Hass. Hass werde ich nicht ausüben, aber ich möchte Gerechtigkeit und endlich wissen, warum so ein lieber Mensch so früh sterben musste. Ich sage immer, hier geht es ja nicht um irgendwas, sondern um Mord.“ In Kombination mit einem kürzlich im ARD-Magazin „Brisant“ ausgestrahlten Beitrag ist vorliegender Blicker-Artikel Margarete Kiels letzter Versuch, Täter oder Mitwisser zur Einsicht zu bewegen: „Bitte erleichtern Sie Ihr Gewissen!“, appelliert sie an den oder die Unbekannten, damit sie nach 54 Jahren doch noch mit dem Tod ihres Mannes abschließen kann und inneren Frieden findet.
