Von Christoph Motog
Lippstadt - Ein Fremder mit komischem weißen Hut bezieht mit seinen Leuten im Sommer 1944 ein großes Anwesen im sächsischen Kurort Oybin. Wer ist der Kerl?, fragen sich die Einheimischen. Es ist Mohammed Amin al-Husseini, Großmufti von Jerusalem und Vorsitzender des Islamischen Rates im britischen Mandatsgebiet Palästina. Jener Husseini hasste Juden. Seine große Zeit begann 1933, schreibt Hans Joachim Schädlich in seiner auf Fakten gründenden Kurzgeschichte „Report“. Der Großmufti bot den neuen Machthabern in Deutschland seine Dienste an.
Hetzpropaganda per Radio
Im November 1941 flog Husseini nach Berlin. Hitler empfing ihn. Husseini bat um Hilfe beim Aufbau eines arabischen Staats in Palästina, zumal man doch drei gemeinsame Feinde habe: die Juden, die Engländer und den Bolschewismus. Husseini erhielt von den Nazis eine Residenz in einem Haus aus jüdischem Besitz und bekam monatlich 90.000 Mark. Fortan betrieb er über den „Deutschlandsender“ Zeesen antisemitische Hetze in arabischsprachigen Ländern. 1943 warb er im besetzten Jugoslawien 20.000 muslimische Bosnier für die SS an. Daraus wurde die SS-Division „Hanjar“, die 1944 den größten Teil der bosnischen Juden ermordete.
Hitlers persönlicher Gast
Himmler ernannte Husseini zum SS-Gruppenführer, und bis Kriegsende lebte er als persönlicher Gast Hitlers in Oybin. 1946 erreichte Husseini Palästina und organisiert dort den Kampf gegen die Juden. Der Führer der Moslembruderschaft, Hassan al-Banna, verkündete 1946: „Deutschland und Hitler sind nicht mehr, aber Amin al-Husseini setzt den Kampf fort.“
Historische Verbrechen
Neben der im Massenmord gipfelnden Judenfeindlichkeit beschäftigt sich Hans Joachim Schädlich in „Das Tier, das man Mensch nennt“ mit vielen weiteren historischen Verbrechen. Die 48 Geschichten spielen in verschiedenen Epochen, handeln von stalinistischem Terror, Hexenverfolgung, Henkern und Serienmördern, aber auch von Opfern, die sich zu wehren wussten. Der Buchtitel zitiert einen Ausspruch des Satirikers Jonathan Swift, der damit seinen Ekel und seine Verachtung gegenüber der Menschheit ausdrückte.
Verdichtet erzählt
Der Leser spürt die düstere Leidenschaft, die Schädlich beim Schreiben angetrieben haben muss, um die Grausamkeit, Verblendung und Abgründigkeit des Tiers Mensch im Umgang mit seinesgleichen derart meisterlich festzuhalten. Gemeinsam ist allen Geschichten eine verdichtete Erzählweise, die durch Knappheit und präzise Sprache eine große Intensität erzeugt, indem sie das Wesentliche beschreibt, ohne viel zu erklären.
Laudatio von Ines Geipel
Am 5. Oktober ist Hans Joachim Schädlich für seinen Erzählband mit dem Thomas-Valentin-Literaturpreis der Stadt Lippstadt ausgezeichnet worden. Die Schriftstellerin Ines Geipel hielt die Laudatio. Susanne Schädlich nahm die Auszeichnung stellvertretend für ihren Vater entgegen, weil sich der inzwischen 90-Jährige die Reise von Berlin nach Lippstadt aus Gesundheitsgründen nicht zutraute. Sie las zudem seine Dankesrede vor, die hier im Wortlaut folgt:
Dankesrede des Preisträgers
„Der Satz des römischen Dichters Plautus ,Ein Wolf ist der Mensch dem Menschen’ beschreibt die Geschichte von Anbeginn bis heute. Religiöse Kriege, ideologische Kriege, ethnische Kriege, Kriege um Territorien, Kriege um persönliche Macht und Reichtum.
Untaten sprechen für sich
Es bleibt jedem Autor überlassen, wie er die Taten von Kriegsherren und Kriegsverbrechern, von Inquisitoren, von Antisemiten, von Nazis, von Stalinisten, von gewöhnlichen Gewaltverbrechern darstellt. Er kann die psychische Anlage der Täter ausdeuten. Dazu neige ich nicht. Die Taten sprechen für sich, sie charakterisieren den Täter. Der Autor kann seine eigenen Gefühle mitteilen, wie abscheulich er die Täter findet, seine Sympathie für die Opfer. Ich möchte meine Gefühle eher nicht zum Ausdruck bringen, sondern die Gefühle der Leser durch meine Beschreibungen wecken.
Noch widerwärtiger, als sie sind
Die Grundlage der Darstellungen sind Fakten, aber die Art und Weise der Darstellung ist frei. Natürlich ist die Auswahl der beschriebenen Fakten nicht neutral, sie folgt den persönlichen Überzeugungen. Von Jonathan Swift, dem irischen Schriftsteller, Autor von Gullivers Reisen, stammt der Satz ,Die Menschen sind noch widerwärtiger, als sie sind’. Seinen Menschenhass hat er nur durch die Liebe zu einzelnen Individuen eingeschränkt.
Bedrohte Demokratien
Zu den widerwärtigsten Menschen gehören Autokraten und diejenigen, die bestrebt sind, Autokratien zu errichten. Autokratie bedeutet das Ende freier und fairer Wahlen, das Ende der Gewaltenteilung, das Ende der Rechtsstaatlichkeit, das Ende der individuellen Freiheitsrechte. 2020 waren die demokratischen Systeme noch in der Überzahl. 2022 hat sich das Verhältnis umgekehrt. Weltweit werden liberale Demokratien bedroht.
Zerbrechliche Freiheit
Der ungarisch-österreichische Publizist Paul Lendvai hat in seinem jüngsten Buch „Wer bin ich“ geschrieben: ,Die Zerbrechlichkeit der Freiheit ist die einfachste und vielleicht tiefste Lehre aus meinem langen Leben.’
Wieder aktuell: Valentin
In der Bundesrepublik Deutschland lassen sich zunehmend antidemokratische Tendenzen betrachten, und ein widerlicher Antisemitismus breitet sich aus. Haben die Deutschen den Holocaust vergessen? Hat die Jugend von heute nicht gelernt, wohin das Ende der Demokratie 1933 geführt hat? Da mag der Roman ,Die Unberatenen’ von Thomas Valentin aus dem Jahr 1963 aktuell erscheinen, worin er das westdeutsche Bildungssystem und den Mangel an Geschichtsbewusstsein der Westdeutschen nach dem Zweiten Weltkrieg kritisierte.
Verse von 1938
Ich schließe mit der ersten Strophe des Gedichtes ,Die Legende von der Entstehung des Buches Taoteking auf dem Weg des Laotse in die Emigration’, das Bertolt Brecht 1938 in Dänemark geschrieben hat:
Als er 70 war und war gebrechlich
drängte es den Lehrer doch nach Ruh
denn die Güte war im Lande wieder einmal schwächlich
und die Bosheit nahm an Kräften wieder einmal zu.
Und er gürtete den Schuh.“
Fortsetzung der Barbarei
Ob er Hoffnung habe, dass der Rückfall in die Barbarei noch aufzuhalten ist, fragte Patriot-Kulturredakteur Andreas Balzer den Preisträger kürzlich in einem Interview. „Es gibt keinen Rückfall“, antwortete Schädlich, „sondern nur die Fortsetzung der Barbarei, unter anderen Vorzeichen, mit anderen Mitteln, an anderen Orten“.
