Von Christoph Motog
Lippstadt - Bei einstelligen Temperaturen draußen sitzen? Geht auch ohne Gebibber: Das an der Kehrseite der Langen Straße 5 gelegene Kawinkel trumpft mit einem windgeschützten Vier-Jahreszeiten-Biergarten. Nach einem vergleichbaren Mikroklima kann man bei Usselwetter lange suchen. Vor ein paar Jahren war das noch Insiderwissen. Als das Lokal im Herbst 2021 öffnete, prophezeiten manche ein schnelles Scheitern; in die Gasse bei Thombansen verirre man sich doch nur zur Herbstwoche. Überraschenderweise schaffte es das Kawinkel aber zur angesagtesten Lippstädter Kneipengründung seit Langem – generationsübergreifend besucht und für seine zwanglose Atmosphäre geschätzt.
Kathrin sei Dank
Begründerin Kathrin Kreggenwinkel pumpte viel Herzblut in den fast 500 Jahre alten Fachwerkbau. Sie machte das Kawinkel zu einem Treffpunkt, in dem auch Quizabende, Konzerte heimischer Vögel oder Lesungen dunkler Lippstädter Geschichten stiegen. Gleichwohl schloss Kathrin die Kneipe im vergangenen Mai aus persönlichen Gründen. Die Stammgäste hofften inbrünstig auf einen Nachfolger, der das geschätzte Konzept beibehält.
Tag der Tage
Taitje Schmidt-Clausen, Betreiberin von Joe’s Garage, hatte eigentlich null Interesse an einem zweiten Lokal. Aus einer unerfindlichen Laune heraus ließ sie sich aber dazu hinreißen, das frei gewordene Objekt mal zu besichtigen. Sie ging mit ein paar Vertrauten rein – und kam aus der Nummer nicht mehr raus: „Wir haben da zu viert gesessen und Jim-Beam-Cola getrunken, als mir die Schnapsidee kam. Da hab‘ ich zu den anderen gesagt: „Heute ist der Tag der Tage. Wenn ihr alle mit an Bord seid, dann übernehme ich hier. Aber entweder alle – oder die Nummer läuft nicht.“ Am Ende sagten alle Ja – „und zack hatte ich eine zweite Kneipe“.
Glückdatum 8.8.
Die Neueröffnung terminierte Taitje wohlweislich. Sie folgte dem guten Rat einer Freundin aus Singapur, die ihr zum 8.8. geraten hatte, weil dieser laut einem in Südostasien verbreiteten Glauben als Glückstag für gastronomische Vorhaben gilt. Und: Die mit fässerweise Freibier gefeierte Neueröffnung übertraf all ihre Erwartungen. Angesichts des großen Auflaufs im Biergarten kam Taitje das Kawinkel plötzlich fünfmal größer vor als zuvor.
Limo statt Alkohol
Taitje weiß, welche Herausforderung zwei Kneipen für sie bedeuten, sie ist aber zuversichtlich: „Ich mache mir hier ja nicht selber Konkurrenz.“ In der Tat hat das Kawinkel kaum Gemeinsamkeiten mit Joe’s Garage, es zieht eine ganz andere Community an. Hier ist für viele nicht Alkohol, sondern Limonade die erste Wahl. Dazu geht es ausgesprochen familien- und hundefreundlich zu.
Der Name bleibt
Das Kawinkel behält seinen Namen – auch als Hommage an die Begründerin. „Wir kennen und schätzen uns ja schon seit 30 Jahren von der Poststraße her.“ Kathrin ist froh, dass Taitje die Kneipe in ihrem Sinne weiterführen möchte. Heißt: Der gechillte Vibe wird weiter gepflegt. Auch an der maßvollen Preispolitik will Taitje nicht rütteln.
Alle haben Bock
Optimierungsbedarf gab es indes beim Service, der zuletzt allzu nachlässig vonstattengegangen war. Nun ist der Schlendrian vertrieben, dank eines frischen Teams aus fähigen Kawinkel-Veteranen, bewährten Garagenkräften und motivierten Neuzugängen. Entscheidend ist: „Alle haben richtig Bock.“
Lecker Gyrosaurus
Auch in der kleinen Küche wird wieder gewirbelt. Tascha und Tanja kochen mittwochs bis samstags. „Wir sind kein Restaurant, wollen aber gute Kneipensnacks auftischen.“ Aus welchen Zutaten ein „Gyrosaurus“ oder „Sweet Dog“ besteht, verrät die Speisekarte, die allerdings nur fürs Erste gilt. „Wir schauen gerade, was die Leute annehmen und werden das Angebot in nächster Zeit entsprechend anpassen.“
Events en masse
Das Kawinkel bleibt ein Veranstaltungsort. Gesetzt sind Quiznights, Bingo-Abende und Soulkitchen-Partys (nächster Termin: 6. September). Bei Gelegenheit gibt es auch Lesungen, Konzerte und Fußball im Rudel gucken. „Wir haben viele Pläne“, sagt Magdalena Böhm, die im Team die Fäden zusammenhält. Taitje selbst sieht sich weiter vorwiegend im Joe‘s arbeiten – „ich bin ein Garagenmädchen“.
Ciao um 0 Uhr
Seit der Neueröffnung gilt eine eiserne Regel: Um Mitternacht ist Schluss, zur letzten Runde wird spätestens eine halbe Stunde vorher geläutet. „Weil wir unsere Nachbarschaft lieben und respektieren“, erklärt Taitje. Wer indes um 24 Uhr noch nicht genug hat, bekommt einen Mexikaner-Bon in die Hand, den er in Joe’s Garage einlösen kann.

