Von der Postkutsche zur Sportsbar

Gastronom Jorgo Kosmidis vor der Kneipe und Sportsbar, die den Namen seines Vaters trägt. Foto:Motog

Jorgo Kosmidis führt die Kneipe seit den frühen 2000er-Jahren als Sportsbar. Foto: Nina Wissing

Auch das ist Jorgo: Das Foto entstand Ende der 80er in der Postkutsche. Foto: privat

Das war Mitte der 80er: In der Postkutsche wurde Hochzeit gefeiert. Angehörige und Freunde fuhren mit dem Motorrad vor. Hausherr Grigorios Kosmidis (3. von rechts) hatte ohnehin ein Herz für Biker ? und bekam von Stammgästen sogar mal eine Motorradkutte zum Geburtstag geschenkt. Foto: privat

Gastronom Jorgo Kosmidis vor der Kneipe und Sportsbar, die den Namen seines Vaters trägt. Foto:Motog

Jorgo Kosmidis führt die Kneipe seit den frühen 2000er-Jahren als Sportsbar. Foto: Nina Wissing

Auch das ist Jorgo: Das Foto entstand Ende der 80er in der Postkutsche. Foto: privat

Das war Mitte der 80er: In der Postkutsche wurde Hochzeit gefeiert. Angehörige und Freunde fuhren mit dem Motorrad vor. Hausherr Grigorios Kosmidis (3. von rechts) hatte ohnehin ein Herz für Biker ? und bekam von Stammgästen sogar mal eine Motorradkutte zum Geburtstag geschenkt. Foto: privat

Von Christoph Motog

Lippstadt - Wer in einer Kneipe aufwächst, hat nie Langeweile. „Ich konnte darten, flippern, kickern, Billard spielen und kegeln. Als Kind war das ein Traum“, erinnert sich Georgios alias „Jorgo“ Kosmidis an die Postkutsche, die zwischen 1981 und 1990 von seinen Eltern geführt wurde. Die Familie gehört zu jenen, die schon seit Generationen an der Lippe leben. Es begann mit Jorgos‘ Opa Athanasios, der 1958 nach Deutschland ging, um bei der Lippstädter Union zu arbeiten. Die ersten Jahre nächtigte er in einem der vielen, nur spärlich eingerichteten Wohnheime, die es damals für südeuropäische „Gastarbeiter“ gab. Seine Söhne Charalampos und Grigorios folgten Athanasios Ende der 1960er nach Lippstadt. Nach ein paar Jahren in der Fabrik wagten beide den Sprung in die Selbständigkeit. Charalampos führte zwischen 1974 und 1985 die Kneipe zum Güterbahnhof. Bruder Grigorius übernahm 1979 mit seiner Frau Afroditi den Gasthof Dalhoff in Hörste. „Meine Eltern sind immer mit dem Bus von Lippstadt aus hingefahren, haben ihn aber oft verpasst“, erinnert sich Jorgo. Das Paar bot sowohl griechische als auch deutsche Küche an, was die Hörster überaus schätzten.

 Längste Theke 

1981 ergriffen Grigorius und Afroditi die Chance, ein Lokal gegenüber der Lippstädter Hauptpost am Lippertor zu übernehmen: die Postkutsche. Sie war so groß wie drei Eckkneipen zusammen, allein die Theke war 22 Meter lang. Wer den Fuß über die Schwelle setzte, stand schon nach zwei Trippelschritten am Tresen. In die Gaststätte passten locker 150 Leute, doch allein auf weiter Kneipenflur stand man hier nie. Schon mittwochs tobte der Bär, am Wochenende ging es oft so oft dicht gedrängt zu wie in Tokios U-Bahn. 

 Nächte durchgemacht

Häufig stiegen große Motorradtreffen. Obwohl bis zu 200 Kuttenträger aus allen Ecken Deutschlands vorfuhren, ging es entspannt zu – in unmittelbarer Nähe der Kneipe fand jeder ein Plätzchen für seine Maschine. Die Biker machten Freitagnacht bis Sonntagmorgen durch. Im Zuge des Ansturms musste der benachbarte Imbiss Rhodos trotz guter Bevorratung schon mal kapitulieren: „Fritten sind aus“. Als Heranwachsender ließ sich Jorgo gern auf eine Motorradrunde durch die City einladen. Einmal hing er gerade lässig auf dem Rücksitz ab, als der Fahrer irre beschleunigte und vorne abhob – für die nächsten 300 Meter mutierte das Zweirad zum Einrad. Jorgo klammerte sich fest, ihm war verdammt mulmig zumute, doch alles ging gut.

 Bier 0.4: 1,50 DM

Ruhetage gab es nicht. Man öffnete morgens um zehn. Feierabend war am Wochenende oft erst Stunden nach Sonnenaufgang. Dreimal die Woche lockte ab 21 Uhr die Pilsstunde – der 0,4er-Humpen für eine Mark fünfzig. Kaum waren um 21.59 Uhr die letzten Schnäppchenbiere über die Theke gegangen, ging es bruchlos weiter – mit der Longdrinkstunde. Ob Bacardi-Cola, Asbach-Cola, oder Mariacron-Cola, „die Leute bestellten alles literweise“.

 Ein Anruf genügte

Als in Lippstadt noch die Briten stationiert waren, gab es schon mal Zoff. Doch so schlagartig sich die Herren in die Haare bekam, so unversehens beruhigten sich die Gemüter auch wieder. Mutter Afroditi wusste die Streithähne auszubremsen; sie hatte die Nummer der Militärpolizei. Wenn also wild gewordene Soldaten ihrer Majestät aus dem Augenwinkel bemerkten, wie die Wirtin zum Telefon griff, bekamen sie Muffe, zahlten auf der Stelle und kratzten die Kurve. Die meisten der jungen Männer aus den Churchill Barracks machten indes niemals Ärger. 

 Herbstwochen-Rummel

Der kleine Jorgo half gern mit, das erste Bier zapfte er mit zehn Jahren. Besonders gern erinnert er sich an die Herbstwochen, wenn die Kneipe Teil der Kirmesmeile war und vorm Eingang ein Bierwagen stand. 1991 war Schluss, weil die Warsteiner Brauerei ein Hotel bauen wollte. Die Postkutsche wurde abgerissen. Familie Kosmidis hatte aber rechtzeitig Ersatz gefunden – und fuhr zeitweise zwei- und sogar dreigleisig: Man betrieb zwischen 1989 und 1996 die Pinte in der Hellen Halle, ab 1990 auch kurz die Bierecke in der Blumenstraße. Auch Jorgos Schwester Despina war lange als Gastronomin aktiv. Von 2016 bis 2023 führte sie das Pub a la Pap am Marienkirchturm.

 "Bei Gregor"

1992 übernahm Jorgos Vater die Gaststätte Zum Kamin in der Rathausstraße. Um der rustikalen Schänke seinen Stempel aufzudrücken, deutschte Grigorius seinen Namen ein – seither kehrt man hier „Bei Gregor“ ein. Zur Sportsbar wurde die Kneipe in den frühen 2000er-Jahren, nun mehr und mehr unter der Regie von Jorgo. Fußballfans finden hier bis heute einen Wohlfühlort. An den Wänden und unter der Decke hängen zahllose Fanartikel beliebter Clubs. Hingucker schlechthin ist ein altes Werbeplakat, auf dem der junge Karl-Heinz-Rummenigge im gelben Pullover und noch mit voller Lockenpracht prangt. „Euer Kalle aus Lippstadt“ rühmt ein heimisches Bier.

 Kein Revier-Knies

In die Kneipe strömt ein bunt gemischtes Publikum, das hier alle angesagten nationalen und internationalen Spiele schauen kann. Die drei Monitore und die Leinwand befinden sich wohlweislich an verschiedenen Ecken, kommt es doch immer mal vor, dass zwei Topspiele gleichzeitig angepfiffen werden. Und wer sich nicht entscheiden kann, möchte vielleicht die Bundesliga-Konferenz verfolgen. Doch was passiert, wenn Dortmund- und Schalke-Anhänger gleichzeitig da sind? „Dann schreit schon mal einer“, sagt Jorgo – „aber Knies gibt es nie, Leute bekommen sich nicht in die Wolle“. Jorgos Devise ist: „Jeder soll seinen Verein haben, jeder kann so sein wie er möchte. Man muss nur vernünftig bleiben.“ 

 Sechstagewoche

Am 4. Juni lädt Familie Kosmidis bereits 33 Jahre in die Rathausstraße. Auch Vater Grigorius ist noch präsent – mittwochs, samstags und sonntags steht er ab zehn Uhr morgens für ein paar Stunden hinter der Theke. Die Arbeit als Gastronom erfordert eine Sechstagewoche. Doch Jorgo braucht nicht viel Urlaub. Ihm reichen drei bis vier Wochen in der fußballfreien Zeit. „Es macht mir großen Spaß, hier zu arbeiten, mit all den Stammgästen.“ Heißt: Jorgo möchte weitermachen, solange er fit ist. Man kann also noch auf das eine oder andere Jahrzehnt „Bei Gregor“ wetten.